Contents : Deutsche Geschichte. Erster Band. (1)

38  1.  Die  Germanen  und  das  röntiche  Neich.

Der  Sieg  war  eine  große  Genugtuung  für  dieje  Völker.  Die
gefürchteten  römischen  Legionen  waren  aljo  nicht  unüberwindlich:
aber  weitere  Erfolge  hatte  das  Ereignis  nit.  8  erwuchs  Feine
dauernde  Organifation  aus  diefem  Erfolg,  und  im  römischen  Hauptquartier
  erholte  man  fich  bald  von  dem  Schreden,  den  die  Nad)-richt
  in  Nom  heroorgerufen  hatte.  Tiberius,  der  nach  dem  bedrohten
Punkt  gejchiet  wurde,  fand  Feine  geeinigte  germanische  Macht  zu
befämpfen.  Er  fonnte  fi)  damit  begnügen,  wie  emjt  Cäfar  über
den  Nhein  zu  gehen,  um  dem  jenfeitigen  Lande  zu  beweilen,  daß
die  Macht  des  Imperiums  durch  die  Niederlage  dreier  Legionen  nicht
erjcehüttert  jei.  E3  gejchah  nichts  weiter;  die  Bolitif  des  Tiberiug,
die  Germanen  ihrer  eigenen  Ywietracht  zu  überlaffen  —  das
Vrogramm  römischer  PBolitif  bis  auf  den  heutigen  Tag  —  bewährte
jih.  Sie  wurde  aber,  ala  im  Sabre  14  Auguftus  ftarb  und  Tiberius
jelbft  die  Herrichaft  übernahm,  durchfreugt  durch  den  unternehmungsluftigen
  Sohn  des  Drufus,  Germanicus  Drufug,  den  Tiberius  erft
im  Sabre  16  abzuberufen  in  der  Lage  war.  Seine  Züge,  ohne
flaren  Plan,  wie  e3  |cheint,  unternommen,  hatten  feinen  dauernden
Erfolg.  Auf  germanifcher  Seite  trat  jebt  der  Befieger  des  Varus,
Armin,  wieder  mächtig  hervor.  Im  Sahr  19  überfiel  das  römijche
Heer  die  Marfer,  einen  Stamm  des  DVolfs  der  Chatten,  zwilchen
Lippe  und  Ruhr:  bei  einem  Fejt  wurde  die  Menge  überraicht,  getötet,
  was  das  Schwert  erreichen  fonnte,  ihr  Heiligtum,  einer  Göttin
Zanfana  geweiht,  mit  Teuer  verwiltet,  im  folgenden  Sahr  der
Hauptort  der  Chatten,  Mattiacum,  durch  Germanicus  zerjtört,  eine
Menge  Gefangener  weggeführt:  die  Hilfe  war  ausgeblieben.

E3  bezeichnet  die  unfertigen  Zuftände  in  diejer  Germanenwelt,  daß
eben  jegt  die  Kraft  der  Cherusfer  —  der  Schwertleute,  wie  man  den
Namen  deutet  —  durch  eine  Fehde  gelähmt  war,  an  der  ein  gewiffer
romantticher  Zauber  haftet.  Eine  Tochter  des  Segeftes,  des  Hauptes
der  Nömerfreunde,  Thusnelda  mit  Namen,  die  wie  ihr  Bruder
Segimumd  anders  gefinnt  war  als  ihr  Vater,  hatte  fich  von  Armin
entführen  laffen  und  ward  feine  Gattin.  Gegeftes  bot  feine  Gefolg-Ichaft
  auf  und  es  gelang  ihm,  Armin  in  feine  Gewalt  zu  befommen.