Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Achter Jahrgang. 1892. (33)

Das  Denisqe  Reiqh  und  seine  einzelnuen  Glieder.  (Juui  26.)  109

gutem  und  bösem  viel  miteinander  verlebt,  aber  allezeit  sei  zwischen  ihnen
der  Verkehr  ein  wohlwollender  gewesen;  ohne  unhöflich  zu  sein,  habe  er
nicht  anders  als  um  eine  Audienz  bei  Kaiser  Franz  Josef  nachsuchen  können
und  er  habe  dies  schon  von  Friedrichsruh  aus,  und  zwar  auf  dem  amtlichen
Wege  durch  die  deutsche  Botschaft  gethan.  Anfangs  sei  seinem  Gesuch  die
Stimmung  günstig  gewesen,  aber  dann  habe  diese  umgeschlagen,  wohl  kaum
ohne  eine  starke  Pression  von  Berlin.  Er  habe  nur  mündlich  die  Antwort
erhalten,  daß  die  Audienz,  um  die  er  als  Verehrer  des  Kaisers  und  als
Militär  nachgesucht,  nicht  gewährt  werden  könne.  In  Dresden  und  München
habe  er,  ohne  unhöflich  zu  sein,  nicht  um  Audienz  nachsuchen  können,  da  die
Frist  seines  Aufenthalts  anfänglich  zu  kurz  bemessen  gewesen  sei.  Ob  und
wie  lange  er  in  München  hätte  bleiben  können,  sei  ja  ganz  davon  abgegehangen,
  ob  ihn  die  Aufregung,  die  Freude  und  das  ungewohnte  längere
Reisen  nicht  etwa  so  ermüdeten,  daß  der  Arzt  die  sofortige  Reise  nach  Kisfingen
  oder  Friedrichsruh  diktierte.  Jetzt  freue  er  sich,  da  ruhiger  Zuschauer
zu  sein,  wo  er  früher  Mitarbeiter  gewesen  sei,  und  er  freue  sich  namentlich
der  ungemeinen  Herzlichkeit,  mit  der  er  in  München  empfangen  worden  sei.
Diese  Tage  werden  ihm  unvergeßlich  bleiben,  solange  er  noch  in  Friedrichsruh
seine  Bäume  pflegen  könne.

Am  Abend  findet  ein  riesiger  Festzug  der  studentischen,  Kunstund
  Sanges-Korporationen  vor  der  Villa  Lenbach  statt  mit  mehrfachen
  Ansprachen  und  Erwiderungen  des  Fürsten.

26.  Juni.  Fürst  Bismarck  folgt  einer  Einladung  der  Stadt
Augsburg,  auf  der  Durchreise  eine  Stunde  dort  zu  verweilen  und
im  Rathause  den  Ehrentrunk  zu  nehmen.  Eine  gleiche  Einladung
der  Stadt  Nürnberg  muß  er  ausschlagen.  Die  Reise  des  Fürsten
durch  Bayern  nach  Kissingen  ist  ein  unausgesetzter  Triumphzug;
nicht  bloß  auf  jeder  einzelnen  Station,  sondern  auch  an  den  Bahnübergängen
  haben  sich  die  Menschen  versammelt,  um  ihm  einen  Gruß
zuzurufen.

26.  Juni.  (Dortmund.)  Die  katholischen  Vereine  halten  ihr
Verbandsfest  ab,  bei  welchem  Frhr.  v.  Schorlemer-Alst  die  Hauptrede

  über  das  katholische  Leben  hält:

„Katholisch  Leben  heißt  auch,  unsere  Pflichten  gegen  das  Vaterland
treu  erfüllen.  An  der  Treue  für  Kaiser  und  Reich,  König  und  Vaterland
lassen  wir  uns  von  keinem  übertreffen.  Wenn  kürzlich  wieder  ein  in  Rom
erscheinendes  katholisches,  in  Wirklichkeit  aber  französisch-chauvinistisch  gefinntes
  Blatt,  der  „Moniteur  de  Rome“,  dessen  unsinnige  Aeußerungen  man
uns  deutschen  Katholiken  an  die  Rockschöße  hängen  will,  sich  in  sehr  feindseligen
  Angriffen  auf  Deutschland  und  den  Dreibund,  welcher  die  Gewähr
des  Friedens  in  Europa  ist,  erging,  dagegen  Frankreichs  und  Rußlands
Bündnis  zur  Apotheose  erhob,  als  siegreich  gegen  den  Dreibund  feierte,  den
russischen  Zaren,  welcher  seine  katholischen  Unterthanen  auf  das  grausamste
bedrückt,  „den  Patriarchen  des  Nordens“  nannte  und  zu  guterletzt  mit  den
französischen  Revanchehelden,  welche  Elsaß-Lothringen  wiedererobern  wollen,
sich  auf  eine  Stufe  gestellt  hat,  so  sage  ich,  es  ist  tief,  zu  beklagen,  daß  dergleichen
  in  einem  solchen  Blatt  gedruckt  wird  und  wir  protestieren  als  Katholiken
  und  Deutsche  gegen  diese  unwürdigen  Aeußerungen.  Und  hier  muß