Full text : Die wichtigsten deutschen Seehandelsstädte.

470  R.  Reinhard,  [44

Jeder  der  beiden  Stadtteile  besteht  aber  wieder  aus  mehreren
ungleichartigen  Bestandteilen.  Betrachten  wir  zunächst  diejenigen  der
inneren  Stadt.  Oben  erwähnten  wir,  daß  der  älteste  Teil  der  Ansiedelung
  sich  immer  am  Abhang  einer  Höhe  befand.  In  Bremen,  Hamburg,
  Stettin  und  Danzig  war  dieser  älteste  Teil  eine  Fischerniederlassung,
  die  natürlich  unregelmäßig  gebaut  und  mehr  einem  Dorfe  als
einer  Stadt  ähnlich  war.  Sie  ist  jetzt  meist  verschwunden;  wo  sie  aber
noch  erhalten  ist,  kennzeichnet  sie  sich  durch  enge,  unregelmäßige  und
winkelige  Straßen.  Am  deutlichsten  sehen  wir  sie  noch  in  Danzig,
wo  sie  den  zwischen  Radaune  und  dem  altstädtischen  Graben  liegenden
Teil  der  heutigen  Altstadt  bildet  (Fig.  14  auf  Beilage  8).  Bis  vor  kurzem
viel  deutlicher  als  heute  nach  großen  Umbauungen  der  letzten  Jahre  .
hob  sich  auch  „der  Kessin*,  die  alte  Wendenstadt  Stettins  in  der  nordöstlichen
  Ecke  der  jetzigen  inneren  Stadt  durch  kurze  und  winkelige
Straßen  ab!)  (Fig.  12).  Aeußerlich  nicht  mehr  zu  erkennen  ist  diese
Uransiedelung  in  Bremen  —  sie  lag  dort  am  Westrand  des  östlichen
Geestrückens  an  der  Weser  zu  beiden  Seiten  der  jetzigen  Großen
Brücke?)  —  und  ganz  verschwunden  ist  sie  schon  auf  den  ältesten
Plänen  von  Hamburg.

Ein  zweiter  Teil  der  inneren  Stadt  zeichnet  sich  im  Gegensatz
zu  dem  oben  besprochenen  durch  außerordentliche  Regelmäßigkeit  aus.
Die  Straßen  haben  in  demselben  einen  fast  völlig  geraden  Verlauf  und
schneiden  sich  meist  genau  in  einem  rechten  Winkel  und  in  regelmäßigen
  Zwischenräumen.  Dieser  Stadtteil  ist  —  mit  Ausnahme  Hamburgs
  —  nicht  nur  ein  gemeinsames  Merkmal  der  von  uns  besprochenen
Städte,  sondern  findet  sich  fast  in  allen  ostelbischen  Städten  Deutschlands
  wieder  und  weist  überall  dieselbe  Regelmäßigkeit,  ja  denselben
Umfang  und  dieselbe  Gestalt,  nämlich  die  eines  Ovals  von  600  m  Längsund
  300—400  m  Querdurchmesser  auf.  Das  Verdienst,  diese  auffallende
Erscheinung  als  eine  weitverbreitete  festgestellt  zu  haben,  hat  der
Straßburger  Gymnasiallehrer  Joh.  Fritz,  der  in  einer  Programmarbeit
unter  dem  Titel  „Deutsche  Stadtanlagen*  seine  Forschungen  niedergelegt
hat.  Fritz  fand  jenes  Oval  (bei  nicht  vollständigem  Material)  in  etwa
200  Städten  und  erklärt  es  in  jedem  Falle  als  eine  deutsche  Ansiedelung,
  die  nach  einem  bestimmten,  überall  gleichen  Plane  angelegt
ist.  Dieser  Plan,  dessen  Herkunft  Fritz  nicht  vollständig  sicher  nachweisen
  kann,  ist  nach  ihm  das  Schema  für  alle  Stadtgründungen  vom
12.—14.  Jahrhundert  in  dem  den  Slaven  abgerungenen  deutschen  Kolonisationslande.
  Seine  genaue  Ausführung  wurde  von  Lokatoren  überwacht:
  „Reißbrett  und  Stift,  Meßkette  und  Pflugschar  haben  bei  derselben
  eine  Rolle  gespielt.“

In  den  hier  behandelten  Städten  kommt  dieser  „deutsche  Gründungsplan“
  in  verschiedenen  Graden  der  Deutlichkeit  vor.  Am  schönsten
findet  er  sich  ın  Kiel,  wo  er  den  ganzen  Raum  zwischen  Kleinem  Kiel
und  der  Förde  ausfüllt  (Fig.  10),  in  Danzig,  wo  er  die  sogen.  Rechte
Stadt  bildet  (Fig.  14)  und  in  Königsberg  (Fig.  15).  In  Bremen  hat  nur

 H.  Lemcke,  Die  älteren  Stettiner  Straßennamen.  Stettin  1881,  S.  1—2.
2)  Buchenau,  Bremen,  Taf.  4.