Metadata : Das Deutsche Reich in gesundheitlicher und demographischer Beziehung.

11.  4.  Eirkranküngel.  65

In  den  vorstehenden  Tabellen  finden  sich  die  hauptsächlichsten  E  r  gebnisse
er  orbiditätsstatistik  der  Heilanstalten  für  die  Jahre  1877
is  ”  übersichtlich  zusammengestellt.  Wie  von  vornherein  anzunehmen  ist,  entfällt
$  x  auptmasse  der  den  deutschen  Heilanstalten  zugegangenen  Krankheitsfälle  (etwa

/o)  auf  die  allgemeinen  Krankenhäuser,  und  zwar  sind  hier  die  Infektions-  und  allgemeinen
  Krankheiten  verhältnismässig  am  zahlreichsten  vertreten;  1898/1901  machten
sie  209,50/,,  aller  Zugangsfälle  aus,  es  folgten  der  Zahl  nach  die  mechanischen  Verletzungen
  (137,0),  die  Erkrankungen  der  Atmungsorgane  (123,7),  die  Krankheiten  der
äusseren  Bedeckungen  (118,0)  und  diejenigen  der  Verdauungsorgane  (106,3),  Im
ganzen  überwiegen  in  den  allgemeinen  Krankenhäusern  bei  weitem  die  inneren  Krankheiten
  und  unter  den  Anstaltspfleglingen  die  männlichen  Kranken,  doch  treten  naturgemäss
  bei  den  einzelnen  Krankheiten  erhebliche  Verschiedenheiten  bezüglich  des
Geschlechts  der  Behandelten  zutage.  Ebenso  ist  die  Sterbeziffer  in  den  allgemeinen
Krankenhäusern,  welche  sich  im  Gesamtdurchschnitt  auf  etwa  6  bis  7  Prozent  der
abgelaufenen  Fälle  zu  stellen  pflegt,  je  nach  den  Krankheiten  im  einzelnen  ausseror
  entlich  verschieden,  auch  wird  mitunter  ihre  Höhe  durch  örtliche  -  Verhältnisse
deutlich  beeinflusst.  So  zeigen  die  süddeutschen  allgemeinen  Krankenhäuser  regelmässig
  auffallend  niedrige  durchschnittliche  Sterblichkeitsziffern,  trotzdem  sie  im  Verhältnis
  zur  Bevölkerung  der  betreffenden  Bundesstaaten  von  allen  deutschen  Krankenhäusern
  mit  den  grössten  Zugang,  allerdings  zumeist  an  leichteren  Erkrankungen,  wie
an  Hautkrankheiten  und  chronischen  Verdauungsstörungen,  aufzuweisen  haben.

Entsprechend  der  bedeutenden  Vermehrung  der  Heilanstalten  und  ihrer  Krankenbetten,
  von  der  im  Abschnitt  VII  Ziffer  1  noch  die  Rede  sein  wird,  ist  auch  die  Zahl
der  den  Heilanstalten  des  Reichs  zugehenden  Krankheitsfälle,  seitdem  eine  regelmässige
  Berichterstattung  darüber  vorliegt,  sehr  erheblich  gestiegen.  In  den  Berichtsperioden
  von  1877  bis  1879  und  von  1898  bis  1900  gingen  den  allgemeinen  Krankenhäusern
  jährlich  durchschnittlich  442988  und  1  111996,  d.  h.  um  151°/,  mehr,  neue
Krankheitsfälle  zu.  Eine  weit  höhere  prozentuale  Vermehrung  zeigten  u.  a.  die
mechanischen  Verletzungen  (218°,,),  die  Anstaltsfälle  von-  bösartigen  Neubildungen
(315°/)  und  von  Brechdurchfall  und  Kinderdiarrhöe  (344"/,),  ferner  die  Diphtheriefälle
  (311°/0)  und  die  Erkrankungen  an  Scharlach  und  Masern  (314  bezw.  3940/,);
die  den  Krankenhäusern  zugegangenen  Erkrankungen  an  Zuckerruhr  hatten  sogar  um
754°/,an  Häufigkeitzugenommen.  Andere  Krankheiten  sind  neuerdings  erheblich  seltener
in  den  Krankenhäusern  vertreten  als  früher,  so  das  Wechselfieber  und  das  Fleckfieber,
die  in  dem  Zeitraum  von  1877  bis  1879  im  Jahresdurchschnitt  4776  und  2045,  in  demjenigen
  von  1898  ‚bis  1900  nur  noch  9/3  bezw.  38  Personen  den  Heilanstalten  zuführten.
  Eine  geringere  als  die  durchschnittliche  Zunahme  wiesen  u.  a.  die  Erkrankungen
  der  Atmungsorgane  auf  (147  '/,),  ferner  das  Kindbettfieber  (123°/,)  und  die
Rose  (70°),).  In  den  Irrenanstalten  war  der  mittlere  Jahreszugang  an  Krankheitsfällen
  während  der  beiden  genannten  Berichtsperioden  von  13658  auf  33235,  in  den
Augenheilanstalten  von  18942  auf  44  280  gestiegen.

Selbstverständlich  darf  aus  der  Zunahme  der  Anstaltsfälle  nicht  ohne  weiteres
ein  Schluss  auf  das  vermehrte  Auftreten  der  betreffenden  körperlichen  und  geistigen
Krankheiten  unter  der  Bevölkerung  des  Reichs  gezogen  werden.  Die  Heilanstaltsstatistik
  vermag  überhaupt  ein  vollkommen  zutreffendes  Bild  der  allgemeinen  Gesundheitsverhältnisse
  schon  um  deswillen  nicht  zu  geben,  weil  die  in  den  Heilanstalten
behandelten  Krankheiten  nicht  immer  diejenigen  sind,  welche  die  Bevölkerung  vorzugsweise
  betreffen,  und  sodann  weil  die  Verteilung  der  Heilanstalten  sowie  der  Zugang
  der  kranken  Bevölkerung  zu  ihnen  sich  in  den  einzelnen  Reichsgebieten  allzu
verschiedenartig  gestalten.  Dagegen  gibt  sie  zuverlässigen  Aufschluss  einmal  über
den  zeitlichen  und  örtlichen  Stand  der  in  dieser  Hinsicht  für  die  Krankenbehandlung
verfügbaren  Mittel  und  bietet  sodann  doch  in  manchen  Fällen  eine  Handhabe  zur
Erforschung  bestimmter  für  die  Morbidität  unter  der  Gesamtbevölkerung  besonders

wichtiger  Fragen.

Das  Deutsche  Reich.  Festschrift.  5