Full text : Reichs-Gesetzblatt. 1891. (25)

Unter  den  vielen  Verkehrserleichterungen  und  neuen  Beiriebseinrichtungen,  die  seit  1870  eingeführt  worden  sind,  bilden
die  Einführung  der  Postaulträge  zur  Geldeinziebung  und  Accepfeinholung,  die  Auibebung  des  Landbriefbestellgeldes,  die  Einrichtung
  von  Freimarkenverkaufsstellen,  Posthilfstellen  und  Landpostfahrten,  die  Verbesserung  des  Landbestelldienstes  durch
Einiührung  zweimaliger  Bestellungen  nach  den  meisten  Landorten  (die  Zahl  der  Landbriefiräger  betrug  bei  Beginn  der
Neuordnung  im  Jahre  1830  12300  und  beläuit  sich  jelzt  auf  29000),  die  Erhöhung  des  zulässigen  Meistbetrages  der  Postanweisungen
  von  150  aui  300  Mark,  später  auf  400  und  von  1890  ab  auf  800  Mark,  die  Zulassung  dringender  Pakeisendungen,
  die  Ermässigung  der  Landbestellgebühr  für  Pakele  über  2,5  Kilogramm  sowie  des  Eilbestellgeldes  für  Postsendungen
und  Celegramme  nach  Landorten,  die  Berabsetzung  der  Gebühren  und  die  Einführung  des  Worttarifs  für  Celegramme,  die
Einiührung  der  Kartenbriefe  und  die  Erhöhung  des  Meisigewichis  der  Warenproben  hervorragende  Marksteine  für  die
unumterbrochen  fortschreitende  Chätigkeit  der  Verwaltung.

Unsere  Skizze,  die  einen  kleinen  Weberblick  über  Post  und  Celegraphie  geben  soll,  wie  sie  sich  am  Ausgange  des  Jahrhunderis
  gestaltel.  haben,  wäre  lückenhaft,  wollten  wir  uns  nicht  auch  die  Stätten  ansehen,  wo  sich  der  gewaltige  Betrieb,
nie  rastend  und  rubend,  unermüdlid  Tag  und  Nacht  abspinnt,  wo  es  zwar  Ebbe  und  Flut,  aber  nie  Stillstand  giebt.  In
dieser  Hinsicht  hat  die  Verwaltung  den  Grundsatz  aufgestellt,  dass  die  Diensträume  der  Rücksicht  auf  den  Gesundheitszustand
  und  dem  Anstande  enisprechen  müssen,  und  sie  hat  diese  Absicht  überall  durchgeführt.  Mag  das  Posthäuschen
noch  so  klein  sein,  die  Räume  sind  heil  und  luitig,  im  günstigsten  Ortsteile  gelegen,  und  des  Reiches  Wahrzeichen,  das
die  Posi  bis  in  die  entlegensten  Weiler  trägi,  so  dass  sie  als  wirksamste  Förderin  des  Reichsgedankens  erscheint,  hat
überall  eine  würdige  Stätte  gefunden.  Aber  mehr  als  dies!  Die  Reichs-Postverwallung  batte  erkannt,  dass  es  des  mächtigen
Reiches  würdig  sei,  auch  der  Kunst  ihren  Tribut  zu  entrichten,  den  Architekten  zur  Entfaltung  ihres  schallenden  Genies
Gelegenheit  zu  geben,  den  Sinn  für  das  Schöne  zu  fördern,  zur  Nachahmung  und  Fortbildung  neuer  Kunsiformen  Antrieb
zu  geben.  Und  so  ist  denn  seit  Gründung  des  Reiches  in  allen  seinen  Teilen  eine  stattliche  Zahl  von  reichseigenen
Posthäusern,  bis  jeizt  489,  entstanden,  auf  denen  das  Auge  mit  Woblaeiallen  weilt.  Geschmadweoll  ist  der  $til  seiner
Umgebung  angepasst,  alte  Cradilionen  sind  sorgfältig  bervorgeholt  und  ireu  wiedergegeben,  das  Posthaus,  wenn  auch  neu
qebaut,  ist  seiner  Umgebung  doch  kein  Tremdling,  denn  es  mutet  wie  ein  Stück  alter  Geschichte  an.  In  Aachen  und  Goslar,
den  alten  Kaiserstädien,  zeigt  sich  uns  der  ernste  romanische  $ül,  in  Köln  mit  der  Perle  der  Golik  in  seinem  Dom  der  leicht:
huitige  gotische  Stil,  in  Weimar,  der  Dichtersiadt,  itafienische  Renaissance,  im  Osten  und  Norden  der  norddeutsche  Backsteinbau,
  allüberall  weiss  die  kunsiverständige  Bauleitung  den  lokalen  Verhältnissen  Rechnung  zu  tragen.

Stolz  und  schön,  wie  seine  heimstälten,  sieht  das  Ende  des  Jahrbunderis  den  Bau  der  Reichs-Post  und  Celegraphie,  festqefüigt
  und  wohlgeglieder  nach  innen,  gegründet  auf  Deutschlands  Einheit  als  Fundameni,  beschützt  von  einem  Friedenskaiser.
  Tn  Deutschlands  grosser  Zeit  lag  es,  dass  er  sich  so  gestalten  konnte;  dass  er  sich  so  gestallel  bat,  verdankt  die
Nation  ihrem  grossen  Sohne,  dem  ersten  Generalposimeister  des  Deutschen  Reichs,  Dr.  Beinrich  von  Stephan,  der  27  Jahre
lang,  von  I.  Mai  1870  bis  zu  seinem  Code,  8.  April  1897,  an  der  Spitze  der  Post-  und  Telegraphenverwaltung  gestanden
hat.  In  Deuischlands  Verkehrsadern  pulsierte  nach  Wiederaufrichtung  des  Reichs  neues  Leben;  Bandel  und  Industrie  iraten
an  die  erste  Stelle,  Deutschland,  bis  dahin  mehr  ein  ackerbautreibendes  Land,  wurde  Indusiriesiaat.  Diesem  Aufschwunge
mussten  unsere  beiden  Verkehrsinstitute  die  Wege  ebnen,  sie  mussien  den  Bedürfnissen  zuvorkommen,  sich  nicht  von  ihnen
drängen  lassen.  Unter  $tephans  Leitung  wurden  sie  ihrer  Aufgabe  in  vollkommensier  Weise  gerecht.  Seinem  organisaforischen
  Talent,  seinem  weitausblickenden  @eiste  und  seiner  regen  Chäligkeit  gelang  es,  Deuischlands  Post  und  Celegraphie
auf  eine  Böhe  zu  bringen,  dass  ihre  Einrichtungen  im  In-  und  Auslande  als  musiergültig  angesehen  werden.  Stephans
Rachfolger,  Staaissekrelär  von  Podbielski,  folgt  den  Spuren  seines  grossen  Vorgängers,  dessen  mächtigen  Bau  weiter  ausgesialtend.
  Sein  Uorgehen  auf  gesetzgeberischem  Wege  findet  allseitig  günstige  Aufnahme  bei  den  gesetzgebenden  Faktoren.
Durch  enge  Fühlungnahme  mit  den  Kreisen  der  Industrie,  des  Bandels  und  der  Landwirtschaft  sucht  er  neue  Anrequngen
zu  gewinnen  und  die  Verkehrsbedürfnisse  auf  den  verschiedensten  Gebieten  zu  ergründen,  damit  die  stets  wachsenden
Ansprüche  rechtzeitig  befriedigt  werden  können  und  Post  und  Celegraphie  auch  im  neuen  Jahrhundert  das  bleiben,  was  sie
bisher  gewesen  sind,  Ireue  Förderinnen  des  Kemeinwobles.  Dr.  jur.  König.

Vie  Eisenbahnen  sind  ein  Kind  des  scheidenden  Jahrhunderts.  Sie  haben  ihm  einen  eigenen  Stempel  aufgedrüct,  Die  Die

AF  Benutzung  einer  festen  Spur  zur  leichteren  Fortbewegung  von  grösseren  Massen  reicht  zurück  in  das  graue  Alterlum.  Eisenbahnen
Die  Verwendung  der  Dampfkraft  zur  Dervorbringung  mechanischer  Bewegungen  ist  seit  länger  als  zwei  Jahrhunderten  von  Dr,
bekannt.  Die  Vereinigung  aber  von  Dampikrafi  und  Spur,  die  Erlindung  einer  Maschine,  der  Lokomotive,  die  mit  einer  v.  d.  Leyen
früher  nicht  gekannten  Schnelligkeit  gewaltige  Lasten  fortzuschleppen  im  stande  ist,  gehört  unserem  Jahrhunder  an.  Ein  und
englischer  Bergmann,  der  Sohn  eines  armen  Arbeiters,  George  Stephenson,  war  es,  der  die  erste  brauchbare  Lokomotive  Dr.  Zimmerbaue
  und  sie  am  27.  September  1825  zum  erstenmale  zur  Bewegung  von  Gütern  auf  der  41  Kilometer  langen  Berawerksbahn  mann.

bon  Siockton  nach  Darlington  benutzie.  Damit  gab  er  den  Anstoss  zum  Bau  der  ersten  Eisenbahn  von  Liverpool  nadı

Manchester,  und  bei  einer  am  6.  Oktober  1820  auf  der  Ebene  von  Rainhill  veranstalteten  Wettfahrt  Irug  er  mit  seiner  Lokomötive

  Che  Rocket  den  Sieg  über  seine  Mitbewerber  davon.  Mit  der  Erölfnung  der  Gisenbahn  von  Liverpool  nach  Manchester,

am  17.  September  1830,  beainni  das  Zeitalter  der  Eisenbahnen,  die  ihren  Siegeszug  von  England  über  Nordamerika  nach

dem  europäischen  Festlande  und  in  die  übrigen  Weltleile  zurücklegen.  Am  Ende  unseres  Jahrhunderts  wird  die  Erde  mit

einem  Schienenneiz  von  beinahe  800009  Kilometern  überzogen  sein,  das  mit  einem  Rosienaufwand  von  etwa  145  Milliarden  Mark

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