Unter den vielen Verkehrserleichterungen und neuen Beiriebseinrichtungen, die seit 1870 eingeführt worden sind, bilden
die Einführung der Postaulträge zur Geldeinziebung und Accepfeinholung, die Auibebung des Landbriefbestellgeldes, die Einrichtung
von Freimarkenverkaufsstellen, Posthilfstellen und Landpostfahrten, die Verbesserung des Landbestelldienstes durch
Einiührung zweimaliger Bestellungen nach den meisten Landorten (die Zahl der Landbriefiräger betrug bei Beginn der
Neuordnung im Jahre 1830 12300 und beläuit sich jelzt auf 29000), die Erhöhung des zulässigen Meistbetrages der Postanweisungen
von 150 aui 300 Mark, später auf 400 und von 1890 ab auf 800 Mark, die Zulassung dringender Pakeisendungen,
die Ermässigung der Landbestellgebühr für Pakele über 2,5 Kilogramm sowie des Eilbestellgeldes für Postsendungen
und Celegramme nach Landorten, die Berabsetzung der Gebühren und die Einführung des Worttarifs für Celegramme, die
Einiührung der Kartenbriefe und die Erhöhung des Meisigewichis der Warenproben hervorragende Marksteine für die
unumterbrochen fortschreitende Chätigkeit der Verwaltung.
Unsere Skizze, die einen kleinen Weberblick über Post und Celegraphie geben soll, wie sie sich am Ausgange des Jahrhunderis
gestaltel. haben, wäre lückenhaft, wollten wir uns nicht auch die Stätten ansehen, wo sich der gewaltige Betrieb,
nie rastend und rubend, unermüdlid Tag und Nacht abspinnt, wo es zwar Ebbe und Flut, aber nie Stillstand giebt. In
dieser Hinsicht hat die Verwaltung den Grundsatz aufgestellt, dass die Diensträume der Rücksicht auf den Gesundheitszustand
und dem Anstande enisprechen müssen, und sie hat diese Absicht überall durchgeführt. Mag das Posthäuschen
noch so klein sein, die Räume sind heil und luitig, im günstigsten Ortsteile gelegen, und des Reiches Wahrzeichen, das
die Posi bis in die entlegensten Weiler trägi, so dass sie als wirksamste Förderin des Reichsgedankens erscheint, hat
überall eine würdige Stätte gefunden. Aber mehr als dies! Die Reichs-Postverwallung batte erkannt, dass es des mächtigen
Reiches würdig sei, auch der Kunst ihren Tribut zu entrichten, den Architekten zur Entfaltung ihres schallenden Genies
Gelegenheit zu geben, den Sinn für das Schöne zu fördern, zur Nachahmung und Fortbildung neuer Kunsiformen Antrieb
zu geben. Und so ist denn seit Gründung des Reiches in allen seinen Teilen eine stattliche Zahl von reichseigenen
Posthäusern, bis jeizt 489, entstanden, auf denen das Auge mit Woblaeiallen weilt. Geschmadweoll ist der $til seiner
Umgebung angepasst, alte Cradilionen sind sorgfältig bervorgeholt und ireu wiedergegeben, das Posthaus, wenn auch neu
qebaut, ist seiner Umgebung doch kein Tremdling, denn es mutet wie ein Stück alter Geschichte an. In Aachen und Goslar,
den alten Kaiserstädien, zeigt sich uns der ernste romanische $ül, in Köln mit der Perle der Golik in seinem Dom der leicht:
huitige gotische Stil, in Weimar, der Dichtersiadt, itafienische Renaissance, im Osten und Norden der norddeutsche Backsteinbau,
allüberall weiss die kunsiverständige Bauleitung den lokalen Verhältnissen Rechnung zu tragen.
Stolz und schön, wie seine heimstälten, sieht das Ende des Jahrbunderis den Bau der Reichs-Post und Celegraphie, festqefüigt
und wohlgeglieder nach innen, gegründet auf Deutschlands Einheit als Fundameni, beschützt von einem Friedenskaiser.
Tn Deutschlands grosser Zeit lag es, dass er sich so gestalten konnte; dass er sich so gestallel bat, verdankt die
Nation ihrem grossen Sohne, dem ersten Generalposimeister des Deutschen Reichs, Dr. Beinrich von Stephan, der 27 Jahre
lang, von I. Mai 1870 bis zu seinem Code, 8. April 1897, an der Spitze der Post- und Telegraphenverwaltung gestanden
hat. In Deuischlands Verkehrsadern pulsierte nach Wiederaufrichtung des Reichs neues Leben; Bandel und Industrie iraten
an die erste Stelle, Deutschland, bis dahin mehr ein ackerbautreibendes Land, wurde Indusiriesiaat. Diesem Aufschwunge
mussten unsere beiden Verkehrsinstitute die Wege ebnen, sie mussien den Bedürfnissen zuvorkommen, sich nicht von ihnen
drängen lassen. Unter $tephans Leitung wurden sie ihrer Aufgabe in vollkommensier Weise gerecht. Seinem organisaforischen
Talent, seinem weitausblickenden @eiste und seiner regen Chäligkeit gelang es, Deuischlands Post und Celegraphie
auf eine Böhe zu bringen, dass ihre Einrichtungen im In- und Auslande als musiergültig angesehen werden. Stephans
Rachfolger, Staaissekrelär von Podbielski, folgt den Spuren seines grossen Vorgängers, dessen mächtigen Bau weiter ausgesialtend.
Sein Uorgehen auf gesetzgeberischem Wege findet allseitig günstige Aufnahme bei den gesetzgebenden Faktoren.
Durch enge Fühlungnahme mit den Kreisen der Industrie, des Bandels und der Landwirtschaft sucht er neue Anrequngen
zu gewinnen und die Verkehrsbedürfnisse auf den verschiedensten Gebieten zu ergründen, damit die stets wachsenden
Ansprüche rechtzeitig befriedigt werden können und Post und Celegraphie auch im neuen Jahrhundert das bleiben, was sie
bisher gewesen sind, Ireue Förderinnen des Kemeinwobles. Dr. jur. König.
Vie Eisenbahnen sind ein Kind des scheidenden Jahrhunderts. Sie haben ihm einen eigenen Stempel aufgedrüct, Die Die
AF Benutzung einer festen Spur zur leichteren Fortbewegung von grösseren Massen reicht zurück in das graue Alterlum. Eisenbahnen
Die Verwendung der Dampfkraft zur Dervorbringung mechanischer Bewegungen ist seit länger als zwei Jahrhunderten von Dr,
bekannt. Die Vereinigung aber von Dampikrafi und Spur, die Erlindung einer Maschine, der Lokomotive, die mit einer v. d. Leyen
früher nicht gekannten Schnelligkeit gewaltige Lasten fortzuschleppen im stande ist, gehört unserem Jahrhunder an. Ein und
englischer Bergmann, der Sohn eines armen Arbeiters, George Stephenson, war es, der die erste brauchbare Lokomotive Dr. Zimmerbaue
und sie am 27. September 1825 zum erstenmale zur Bewegung von Gütern auf der 41 Kilometer langen Berawerksbahn mann.
bon Siockton nach Darlington benutzie. Damit gab er den Anstoss zum Bau der ersten Eisenbahn von Liverpool nadı
Manchester, und bei einer am 6. Oktober 1820 auf der Ebene von Rainhill veranstalteten Wettfahrt Irug er mit seiner Lokomötive
Che Rocket den Sieg über seine Mitbewerber davon. Mit der Erölfnung der Gisenbahn von Liverpool nach Manchester,
am 17. September 1830, beainni das Zeitalter der Eisenbahnen, die ihren Siegeszug von England über Nordamerika nach
dem europäischen Festlande und in die übrigen Weltleile zurücklegen. Am Ende unseres Jahrhunderts wird die Erde mit
einem Schienenneiz von beinahe 800009 Kilometern überzogen sein, das mit einem Rosienaufwand von etwa 145 Milliarden Mark
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