76 Oberstrichterliche Entscheidungen.
Mittheilungen aus der Rechtsprechung des Kgl.
Baher. Obersten Landesgerichts in München.
Eivikrecht; Civilprozeß.
Anfechtung des Status als ehelich geboren.
„ Freie Ueberzeugung“ i. S. des § 259 CPO.
Revidenten behaupten, daß die Vorinstanz rechtsirrthümlich
von der Ansicht ausgehe, daß ein von einer Ehefrau
geborenes Kind nur dann als nicht in der Ehe erzeugt
gelten könne, wenn die Unmöglichkeit der ehelichen Beiwohnung
in der sogenannter kritischen Zeit nachgewiesen sei.
„Die Vorinstanz habe lediglich zu prüfen und zu entscheiden
gehabt, ob in der Zeit vom 13. Juli bis zum 5. August
1889 die Thatsache eines Beischlafes stattgefunden habe,
nicht ob der Beischlaf möglich war oder nicht; diese
Thatsache hätte gemäß § 259 der CPO. nach freiem Ermessen
entschieden werden sollen; es handle sich nach § 16
Nr. 1 d. Einf.-Ges. z. CPO. um den Beweis des Gegentheils
der gesetzlich vermutheten Thatsache, nicht um den
Beweis der Unmöglichkeit ihrer Existenz“.
Eine Verletzung der gesetzlichen Bestimmung des
8 16 Nr. 1 des Einf.-Ges. z. CPO. ist aber dem angefochtenen
Urtheile nicht zu entnehmen. Diese Gesetzesstelle
statuirt keine Beweisregeln, welche hätten verletzt
werden können, sondern lediglich eine Modifikation der
in § 14 a. a. O. ausgesprochenen Regel, daß die prozeßrechtlichen
Vorschriften der Landesgesetze außer Kraft
treten für den Fall, daß nach den Vorschriften des
bürgerlichen Rechts unter bestimmten Voraussetzungen
eine Thatsache bis zum Beweise des Gegentheils als gewiß
anzusehen ist. Hiemit werden wesentlich civilrechtliche
Bestimmungen aufrecht erhalten. Es ist von den
Revidenten gar nicht bestritten, daß die Vorinstanz mit