Metadata : Blätter für Rechtsanwendung. LXXVI: Band. (76)

788  Vorteilsausgleichung  nach  bürgerlichem  Recht.

Ersatzpflichtige,  wenn  diese  Wirkung  der  Abwehrmafregel  eine  ungünstige
ist,  auch  dafür  aufkommen  muß,  so  darf  er  umgekehrt  ihre  vorteilhaften
Wirkungen  nicht  minder  zur  Abminderung  seiner  Ersatzpflicht  in  Ansatz  bringen.
Das  erfordert  die  ausgleichende  Gerechtigkeit.  Insofern  können  wir  die  bekannte
  Entscheidung  des  Reichsgerichts  in  Bd.  29  Nr.  31  S.  120  (IV.  Zivilsenat
vom  21.  März  1892)  für  unsere  Frage  entsprechend  verwerten:  Durch  Schuld
des  Kutschers  gingen  die  Pferde  eines  Wagens  durch,  in  dem  der  hernach  Beschädigte
  und  sein  Bruder  saßen.  Jener  sprang  aus  dem  Wagen  und  ergriff  die
Zügel,  um  die  Pferde  zu  bändigen  und  seinen  Bruder  der  obwaltenden  Gefahr
zu  entziehen;  er  kam  indes  bei  diesem  Versuch  zu  Falle  und  wurde  durch  die
Räder  des  Wagens  verletzt.  Das  Reichsgericht  erklärte  den  erhobenen  Ersatzanspruch
  mit  trefflichen  Worten  für  begründet.  Daß  der  Schaden  zunächst  durch
eine  auf  freiem  Entschlusse  beruhende  Handlung  des  Beschädigten  herbeigeführt
sei,  könne  nichts  ändern;  denn  der  Beklagte  habe  durch  sein  Verschulden  eine
Situation  herbeigeführt,  in  der  das  Eingreifen  des  Klägers  zur  Rettung  wertvoller
  Güter,  ohne  Rücksicht  auf  die  damit  verbundene  eigene  Gefahr,  zur  rechtlichen
  oder  moralischen  Pflicht  geworden  sei.  «

Der  gleiche  Standpunkt  ist  auch  in  anderen  Erkenntnissen  des  höchsten
Gerichtshofes  wohl  ausnahmslos  festgehalten,  so  in  dem  Falle,  daß  ein  Anlieger
bei  Glatteis  seiner  Pflicht  zuwider  den  Bürgersteig  nicht  bestreut  und  dadurch
einen  Passanten  zum  Übertritt  auf  den  Fahrdamm  genötigt  hatte,  wo  er  ausglitt
und  Verletzungen  davontrug).  ,

Die  entsprechende  Anwendung  auf  die  Vorteilsausgleichung  wird  grundsätzlich
  kaum  Schwierigkeiten  machen.  Freilich  nur  grundsätzlich:  im
Einzelfall  kann  das  Ergebnis  zweifelhaft  sein,  die  Entscheidung  auf  des  Messers
Schneide  stehen,  wie  schier  überall  da,  wo  die  subtilen  Fragen  des  Kausalzusammenhanges
  der  konkreten  Beurteilung  harren.

Ist  somit  die  Frage  der  adäquaten  Verursachung  für  die  Abgrenzung  der
compensatio  lucri  von  ausschlaggebender  Wichtigkeit,  so  darf  man  doch  auch  die
sonstigen  ihr  zu  ziehenden  Grenzen  nicht  übersehen.  Daß  man  —  ich  kann  mein
eigenes  Buch  davon  nicht  freisprechen  —  zu  wenig  auf  diese  geachtet,  zu  einseitig

auf  die  Verursachungsfrage  gesehen  hat,  trägt  wohl  die  Hauptschuld  an  der  Unsicherheit
  in  der  Beurteilung  verschiedener  praktisch  bedeutsamer  Einzelfälle  aus
der  Lehre.  Dahin  gehört  vor  allem  die  alte  Frage  nach  der  Anrechnung  der
dem  Beschädigten  zufallenden  Versicherungsgelder.  Daß  sie  auf
seinen  Ersatzanspruch  nicht  in  Ansatz  zu  bringen  seien,  ist  von  jeher  in  der  Wissenschaft
  und  noch  mehr  in  der  Praxis  vorherrschende  Ansicht  gewesen,  an  der  gelegentliche
  Anzweifelungen  nichts  haben  ändern  können  15).  Man  begründete
das  meist  damit,  daß  für  den  Erwerb  der  Versicherungssumme  das  schädigende
  Ereignis  (Brandstiftung,  Körperverletzung,  Tötung  usw.)  nur  die
Bedeutung  eines  Bedingungseintritts  aufweise,  während  die  Ursache
  des  Erwerbs  im  Versicherungsvertrage  zu  finden  sei.
gebe  heute  zu,  daß  diese  Begründung  einigermaßen  sormalistisch  ist  und  unserem
modernen,  nach  einem  bekannten  Schlagwort  „soziologischen  Empfinden  nicht
genügen  kann.  Ihr  läßt  sich  auch  mit  Fug  entgegenhalten,  es  sei  die  Eventualität
des  versicherten  Schadens  vielfach  eine  so  fernliegende,  daß  erst  der  Bedingungseintritt
  als  entscheidendes  Moment  im  Sinne  der  Rechtskausalität  gewertet  werden
dürfe  20.

18)  S.  Oertmann  2.  a.  O.  S.  95  lg.
ê  S.  das  Material  in  meiner  Vorteilsausgleichurg  S  ß
20)  S.  Rümelin,  Kritische  Vierleljahrschtift  1903  S.