Kniäsewitschs Bericht über die Finanzlage. 181
weitere Unbotmäßigkeit auf das unnachsichtigste einschreiten werde, und daß die in gewissen
Kreisen (in der liberalen russischen Partei) gelegentlich auftauchenden Gerüchte, als wolle
der Kaiser der polnischen Sache irgendwelche Konzessionen machen, gänzlich aus der Luft
gegriffen seien.
Welcher Art die Anträge sind, welche man in dieser Beziehung in Warschau durch
Vermittlung der katholischen Geistlichkeit gestellt haben soll, werden E. E. durch den
k. Generalkonsul daselbst vielleicht erfahren.
Einen sehr unerwünschten Eindruck würde es in den hiesigen militärischen Kreisen und,
wie man fürchtet, auf die Stimmung der Truppen machen, wenn es sich bestätigte, daß
der Offizier, welcher den Befehl zum Feuern gegeben hat, vor Gericht gestellt werden soll.
159. Bericht an Minister v. Schleinitz.
[Ausfertigung.]
2. März/ 18. Februar 1861.
In der Anlage beehre ich mich, E. E. in englischer Uebersetzung einen Bericht vorzulegen,
welchen der Finanzminister Kniäsewitsch vor kurzem über die Lage der Finanzen
an S. M. den Kaiser erstattet hat. Dies Aktenstück wird bisher geheim gehalten, und
verdanke ich die Anlage¹) der Vermittlung eines hiesigen englischen Handlungshauses, welches
amtliche Verbindungen hat.
E. E. wollen aus der Anlage geneigtest entnehmen, wie wenig Aussicht die nationalökonomischen
Auffassungen des Finanzministeriums zur Herstellung freierer Handelsbeziehungen
darbieten.
Unter den Maßregeln, welche der Bericht zur Abhilfe der finanziellen Notstände vorschlägt,
hält der Finanzminister schließlich selbst nur den Verkauf von Kroneigentum und die
Einschränkung der laufenden Ausgaben für geeignet, dem erstrebten Ziele augenblicklich
näherzutreten. Von dem letzteren Mittel verspreche ich mir kein praktisches Ergebnis, es
sei denn, daß sich eine Einschränkung der Kosten der Hofhaltung durchsetzen ließe.
In der Marineverwaltung ist eine Verminderung der Ausgaben in Anbetracht der
Ansichten und des Einflusses des Großfürsten Constantin kaum zu gewärtigen. In der Landarmee
dürften die Reduktionen das mit den militärischen Bedürfnissen Rußlands verträgliche
Maß schon erreicht haben. Alle übrigen Zweige der Verwaltung erscheinen eher
einer Erhöhung ihrer Ausstattung bedürftig, als einer Einschränkung fähig.
Dazu kommt, daß für den Augenblick infolge des übrigens vorteilhaften Vertrages
mit China²) der größere Teil des Ertrages der Zollstätte von Kiachta,³) mit über 5 Mill.
Rubel jährlich, in Ausfall kommt. Einen weiteren Einnahmeverlust von 2 Millionen wird
die Aufhebung sämtlicher Ausfuhrzölle nach sich ziehen, wenn nicht diese vom Finanzminister
gutgeheißene Maßregel noch an einem Widerspruch einiger für das Interesse des Staatsschatzes
besorgten Mitglieder des Reichsrates scheitert. Eine noch erheblichere Verminderung
der öffentlichen Einnahmen wird mit der Aufhebung des Branntweinmonopols
verbunden sein, da keine noch so hohe Brennsteuer den bisherigen Ertrag von zirka 2 Rubel
pro Kopf der Einwohnerzahl decken kann. Die gegenwärtig mit Eifer betriebenen Vor-1)
Im Konzept folgt hier durchstrichen: meinem englischen Kollegen.
2) Vgl. Nr. 142.
3) Handelsplatz im russisch-sibirischen Gebiet Transbaikalien an der chinesischen Grenze.