Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1908. (49)

70  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  24.)

Aufrichtigkeit  und  Loyalität  darf  die  kaiserliche  Regierung  keinen  Zweifel
hegen.  Mir  scheint,  daß  man  sich  bei  der  Beurteilung  der  Vorgänge  in
Marokko  folgendes  klar  zu  machen  hat.  Die  Algecirasakte  regelt  bestimmte
Gebiete  in  internationaler  Weise;  daneben  bleibt  aber  noch  Raum  für
selbständige  Aktionen.  Dadurch,  daß  die  Mächte  die  Akte  unterschrieben
haben,  haben  sie  sich  keinesfalls  des  Rechtes  begeben,  flagrante  Verletzungen
ihrer  besonderen  Rechte  und  Interessen  zu  sühnen.  Natürlich  muß  im  allgemeinen
  dem  Grundsatze  der  Unabhängigkeit,  der  Integrität  Marokkos  und
der  wirtschaftlichen  Gleichberechtigung  aller  Nationen  Rechnung  getragen
werden.  (Sehr  richtig!)  Solange  diese  Grundsätze  hochgehalten  oder
wenigstens  nicht  verletzt  werden,  haben  wir  unsererseits  keinen  Anlaß,  Einspruch
  zu  erheben  gegen  die  Aktion,  welche  Frankreich  auf  seine  Verantwortung
  unternommen  hat  und  noch  unternimmt;  wir  tragen  dafür  keine
Verantwortung  und  haben  daher  auch  kein  Urteil  über  Zweckmäßigkeit
oder  Unzweckmäßigkeit  der  getroffenen  Maßregeln  zu  fällen.  Wir  verhehlen
uns  natürlich  nicht,  daß  bei  der  Fortdauer  der  jetzigen  unruhigen  und
unsicheren  Zustände  der  fremde  Handel,  insbesondere  der  unsere  erheblich
leiden  muß.  Wir  bedauern  das  um  so  tiefer,  als  es  bekannt  ist  und  wir
noch  gestern  aus  dem  Munde  des  Herrn  Grafen  Kanitz  erfahren  haben,
daß  bei  ruhigen  Zuständen  unser  deutscher  Handel  in  Marokko  noch  der
Steigerung  fähig  ist,  daß  er  sich  während  der  verhältnismäßig  ruhigen
Jahre  von  1894  bis  1904  verdreifacht  hat.  Die  Regierung  teilt  also  vollständig
  die  in  diesem  Hause  laut  gewordenen  Wünsche,  daß  bald  wieder
Zustände  einkehren  mögen,  bei  denen  Handel  und  Wandel  ihre  Rechnung
finden.  Wir  hoffen  auch,  und  wir  haben  wiederholt  bestimmte  Zusicherungen
in  dieser  Beziehung  von  der  französischen  Regierung  erhalten,  daß  bei  den
noch  im  Gange  befindlichen  militärischen  Unternehmungen  auf  unseren
Handel  insofern  Rücksicht  genommen  werde,  daß  weitere  Schädigungen  nach
Tunlichkeit  vermieden  werden.  Solange  nicht  spezielle  deutsche  Rechte  und
Interessen  verletzt  werden,  ist  es  nicht  unsere  Sache,  durch  einseitiges  Einschreiten
  die  schwierige  und  verwirrte  Lage  in  Marokko  noch  mehr  zu  komplizieren.
  Das  ist  auch  der  Gesichtspunkt,  von  dem  aus  wir  die  an  uns
herangetretenen  Ansuchen  des  Sultans  Abdul  Asis  von  Marokko  und  ebenso
seines  Bruders  Mulay  Hafid,  welche  uns  haben  bitten  lassen,  gegen  das
weitere  französische  Vordringen  in  das  Innere  Einspruch  zu  erheben,  abgelehnt
  haben.  Wir  haben  beiden  Brüdern  sagen  lassen,  daß,  wenn  sie
glaubten,  berechtigte  Beschwerden  erheben  zu  können  gegen  unzulässige  Einmischung
  in  innere  marokkanische  Angelegenheiten,  diese  Beschwerden  nicht
bei  uns,  nicht  bei  einer  einzelnen  Macht,  anzubringen  sein  würden,  sondern
bei  der  Gesamtheit  der  Mächte,  welche  die  Algecirasakte  unterzeichnet  haben.
Wenn  man  in  Rabat  hinterher  versucht  hat,  diesen  Schritt  abzuleugnen,
so  ist  das  psychologisch  erklärlich;  es  ändert  aber  nichts  an  der  Tatsache,
daß  die  marokkanische  Regierung  in  der  Person  des  Ministers  des  Aeußern
Ben  Sliman  sich  an  unseren  Vizekonsul  in  Rabat  gewandt  und  ihn  gebeten
  hat,  ihre  Bitte  weiter  zu  befördern  an  unseren  Gesandten  in  Tanger
und  durch  ihn  an  uns,  die  Bitte  nämlich,  daß  wir  den  Franzosen  in  irgend
einer  Weise  halt  zurufen  sollen.  (Sehr  richtig!)  Wir  haben  dafür  das
klare  und  bestimmte  Zeugnis  unseres  Vizekonsuls  in  Rabat,  eines  Mannes,
der  lange  Jahre  schon  in  Rabat  angesessen  und  mit  Land  und  Leuten  vollständig
  vertraut  ist,  auch  mit  der  Landessprache,  und  dessen  unantastbare
Persönlichkeit  ihm  bei  Eingeborenen  und  Fremden  hohes  Ansehen  verschafft
hat.  (Sehr  richtig!)  Ueber  diese  Vorgänge,  meine  Herren,  sowie  über
manche  anderen  Einzelheiten  der  marokkanischen  Frage  werden  Sie  Aufschluß
  finden  in  dem  Weißbuch,  das  Ihnen,  wie  ich  hoffe,  in  wenigen