Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

Kriegsberichte:  Die  russische  Märzoffensive  1916

schütterliche  Zuversicht  der  deutschen  Führung  im
Festhakten  der  eisernen  Mauer  im  Osten.

Alle  Versuche  des  Gegners,  nach  dem  Fehlschlagen
seiner  Hoffnungen  das  ursprünglich  beabsichtigte  Ausmaß
  zu  verkleinern,  können  nicht  standhalten  vor  der
Beweiskraft  der  feindlichen  Heeresbefehle  zur
Einleitung  des  Angriffes,  dessen  Endzweck  die  Vertreibung
  der  deutschen  Heere  aus  dem  besetzten  Gebiek  war:

„Truppen  der  Westfront!  ...  Seine  Moajestät  und  die
Heimat  erwarten  von  euch  jetzt  eine  neue  Heldentat:  Die
Vertreibung  des  Krindes  aus  den  Grenzen  des  Reiches
  ..  .«  (Besehl  des  Höchstkommandierenden  der  Westfront
  vom  4./17.  3.  16,  Nr.  54.)

Ferner:

„Der  Führer  der  Armee  hat  mir  während  seines  Besuches
  der  Truppen  der  mir  unterstellten  Korps  befohlen,
allen  Truppen  seinen  Gruß  zu  übermitteln.  Gleichzeitig
sprach  er  die  Hoffnung  aus,  daß  alle  heldenmütigen  Truppen
  ...  ihre  Pflicht  bis  zum  äußersten  erfüllen  und  den
Find  besiegen  werden.  Ich  bin  froh,  diese  gnädigen

orte  unseres  Führers  bekanntzugeben  und  kann  meinerseits
  nur  bestätigen,  daß  die  glorreichen  Traditionen  der

Korps  die  volle  Gewißheit  bieten,  daß  in  der  eingetretenen

entscheidenden  Stunde  des  Kampfes  mit  einem  starken

Feind  alle  Offiziere  und  Mannschaften  beweisen  werden,

daß  sie  treue  Söhne  unserer  teueren  Heimat  sind  und

lieber  sierben,  als  unser  russisches  Land  beschämen  werden.
  Mit  Gott  für  Zar  und  Rußtkand!"  (Befehl  an  die

Truppen  des  Generals  Balujew  vom  3./16.  3.  16.)

Also  eine  allgemeine  Ossensive  mit  dem  Ziel:  Befreiung
  der  besetzten  Gebiete.

Im  Einklang  mit  der  Aufgabe  standen  die  Mittel
  der  Vorbereitung.  Alle  Maßnahmen  für  den
entscheidenden  Angriff  waren  bis  in  Einzelheiten  seit
langer  Zeit  durchdacht  und  vorbereitet.  Allerdings
mutet  es  den  deutschen  Soldaten  sonderbar  an,  wenn
ein  Befehl  Selbstverständlichkeiten  verlangt:

„Die  Infanterie  hat  die  Gewehre,  Maschinengewehre,
Bomben=  und  Minenwerfer  instand  zu  setzen,  die  Artillerie
  die  Geschütze  und  das  gesamte  Material.“

Nur  ein  Glied  fehlte  in  der  Kette  der  russischen  Vorbereitungen,
  das  Glied,  seit  Tannenberg  und  der
Winterschlacht  in  Masuren  endgültig  herausgerissen
aus  der  russischen  Armee:  der  Siegerwille  und  das
Siegesbewußtsein  der  Truppe.

och  einmal  versuchte  die  russische  Heeresleitung

die  Herbeiführung  der  Entscheidung.  Der
Armeebefehl  des  Generals  Ewert,  Höchstkommandierenden
  der  Westfront,  läßt  darüber  gar  keinen
Zweifel.  Klar  und  deutlich  wird  als  -Durchbruchsziele
  Wilna  und  die  Bahnlinie  Wilna-Dünaburg
bezeichnet.  Kerntruppen  werden  gegen  die  Einbruchsstellen
  bereitgestellt.  Zu  einheitlicher  Handlung  werden
  überlegene  Kräfte  angesetzt.  Gleichzeitig  sollen
die  Einbruchsstellen  durch  das  Gewicht  einer  einheitlichen
  erdrückenden  Masse  durchstoßen  werden.  Eingehend
  werden  Truppen  und  Stäbe  über  ihre  Aufgaben
  unterwiesen.

Der  Offensivplan  war  groß  und  einfach  gedacht:
  Eine  Zange  mit  rechtem  Flügel  etwa  in  Gegend
Jakobstadt,  mit  linkem  an  der  Beresina.  Unwiderstehlicher
  Durchbruch  in  der  Mitte  beiderseits  des
Narotsch-Sees.  Aufrollen  der  deutschen  Front  nach
Nordwesten  und  Südwesten.

Die  Stellen,  die  als  Durchbruchspunkte  den
Hebel  zur  Aufrollung  der  deutschen  Front  bilden  sollten,
  waren  die  Front  zwischen  Wischnjew-  und  Narotsch-See
  sowie  die  Gegend  Postawy-Wileity.

Gegen  die  Durchbruchsfront  zwischen  Beresina  und
Disna  waren  bis  Mitte  März  sehr  starke  Kräfte  her-199



angeführt  und  zum  Angriff  bereitgestellt.  Zwei  Armeekorps
  schoben  sich  näher  nach  Norden  an  Smorgon
heran.  Gegen  die  Seenenge  wurde  eine  starke  Stoßgruppe
  unter  General  Balujew  angesetzt  (5.,  36.,  sibirisches
  Korps  und  eine  Uralkosaken  -Division).  Zum
Durchbruch  im  ungefähren  Abschnitt  Moscheiki-Wileity
  war  eine  Armeeabteilung  unter  General
Pleschkow  bestimmt  (1.,  1.  sibirisches,  27.  Korps  und
7.  Kavalleriekorps).  So  schien  ein  planmäßiger,  einheitlicher
  ungrif  gegen  die  Durchbruchsstellen  gee
währleistet.  Nach  französischem  Muster  fehlte  es  also
nicht  an  Kavalleriemassen,  die  nach  gelungenem
Durchbruch  sofort  das  Gebiet  unserer  rückwärtigen
Verbindungen  überschwemmen  und  Verwirrung  hinter
  die  deutsche  Front  tragen  sollten.  Ihrer  harrte
auch  der  ehrenvolle  Befehl  rastloser  Verfolgung  der
fliehenden  deutschen  Heere.  Es  kam  aber  nur  ein  Teil
der  Kosakenhorden  zur  Verwendung:  nicht  zu  rühm.
licher  Verfolgung,  sondern  in  der  schmachvollen  Aufgabe,
  die  Sturmtruppen  mit  der  Nagaika  zum  Vorgehen
  zu  peitschen.

Der  16.  und  17.  März  brachte  volle  Klarheit  über
die  russischen  Absichten.  Die  Durchbruchsstellen  bei
Postawy  und  südlich  des  Narotsch-Sees  wurden  mit
starkem  Artilleriefeuer  belegt,  das  sich  allmählich  erheblich
  steigerte.  Auf  die  Front  der  beiden  Stoßgruppen
  waren  angeblich  800—1000  Geschütze,  darunter
  schwerste  Kaliber,  verteilt.  Ungeheure  Munilionsmassen
  waren  bereitgelegt.  Die  deutschen  Stellungen
  sollten  eingeebnet  werden.  Während  nun  die
Klauen  der  -Zange=  zwar  drohten,  aber  nicht  zum
Zupacken  kamen,  ergoß  sich  die  Dage  der  Angriffsinfanterie
  in  fast  unversiegbarem  Strom  gegen  die
Durchbruchsstellen.  Bereits  der  18.  März  zeigt  einen

ewissen  Höhepunkt  des  Angriffs  beider  Stoßgruppen.
9.  drei  Armeekorps  drückten  gleichzeitig  und  im  operativen
  Zusammenarbeiten  gegen  die  Front  Postawy-Wileity
  und  gegen  die  Seenenge.  Hier  wurde  später
noch  ein  viertes  Korps  eingesetzt.

Nach  ausgiebigem  Artilleriefeuer  tritt  am  18.  März
die  russische  25.  Division  aus  Linie  Iwanki-Spiaglia
  zum  Angriff  in  Richtung  Baltaguzy  an.  Der
vom  Westufer  des  Wischnjew-Sees  durch  unsere
schwere  Artillerie  wirksam  flankierte  Angriff  bricht
zusammen.  Die  abgeschlagene  Division  läßt  3000

ote  auf  dem  angrifssseln  und  rettet  nur  Trümmer.
Von  ihrem  Regiment  98  kehrten  etwa  100,  von  einem
anderen  Regiment  etwa  150  Leute  zurück.  Weiter
östlich  greift  gleichzeitig  zweimal  die  7.  Division,  westlich
  am  Nachmittag  die  10.  Division  an.  Trotz  stärkster
  Feuervorbereitung  scheitern  alle  diese  Angriffe,
wie  auch  die  von  etwa  zwet  Divisionen  im  nördlichen
Abschnitt  Moscheiki-Wileity  unterschwersten  Verlusten.
  Ohne  den  geringsten  Erfolg  an  irgendeiner
Stelle  verbluten  die  Angriffstruppen.  Das  Regiment
  38  der  10.  Division  verliert  an  diesem  Tage
1600  Mann.

Ein  erschütterndes  und  erhebendes  Bild  zugleich!
Drüben  die  in  tiefem  Schlamm  und  Morast  sich  heranwälzenden
  Massen,  getrieben  durch  Knutenhiebe  und
Rückenfeuer.  Hier  die  eiserne  Mauer  der  Hindenburg-Armee.
  Fest,  starr  in  Stahl  und  Erz.  Fester  noch
in  dem  Willen  jedes  einzelnen:  auszuhalten  selbst
gegen  erdrückende  Ubermacht.

Den  19.  März  benutzt  der  Gegner,  seine  zusammengeschmolzenen
  Massen  aufzufüllen.  Am  20.  März
versucht  er  den  Durchbruch  mit  neuer  Kraft.
Während  ein  Angriff  gegen  Baltaguzy  gänzlich