Full text : Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Zweiter Band. (2)

Die  Winterschlacht  in  Masuren  463

reichte  der  Schnee  an  der  Windseite,  in  Wolken  stob  er,  von  der  „Wjuga“,
dem  eisigen  Oststurm,  gepeitscht,  an  den  Waldrändern  empor.  Die  Sonne
stand  als  glanzlose  weiße  Scheibe  geisterhaft  über  den  schwarzen  Forsten,
um  rasch  wieder  zu  erblinden,  wenn  neue  Schneewirbel  aus  Kurland  herüberjagten.
  Trohdem  erging  am  7.  Februar  der  Befehl  zum  Angriff.  Die
Armeen  durften  nicht  länger  sprungbereit  liegen  bleiben,  wenn  der  Überfall
gelingen  sollte.  Der  Schneefall  hatte  nachgelassen,  aber  die  Kälte  nahm  zu,
als  die  Armeen  am  7.  Februar  in  weitausholenden  Bewegungen  mit  vorgebogenen
  Hörnern  die  Schlacht  eröffneten.

Eichhorn  hatte  Befehl,  mit  vorgenommenem  linken  Flügel  den  Raum
zwischen  Memel  und  Pregel  zu  durchschreiten  und  an  der  Szeszupa  entlang
in  südöstlicher  Richtung  die  Linie  Mariampol—Kalwarza  zu  erreichen.  Gelang
  es  ihm,  die  Russen,  zur  Masse  geballt,  dorthin  zurückzuwerfen  und  zu
überflügeln,  so  unterbrach  er  ihre  große  Rückzugslinie,  Bahn  und  Straße
Eydtkubnen—Kowno,  und  zwang  sie,  die  Querstraßen  zu  benücten,  die  unmittelbar
  in  den  Rücken  ihrer  Mittelstellung  führten.  Okto  v.  Below  hatte
Befehl,  mit  verstärktem  rechtem  Flügel  ebenfalls  vom  Umfang  nach  der
Mitte  der  feindlichen  Streitmacht  zu  operieren.  Er  sollte  den  Johannisburger
  Forst  durchqueren,  die  Pissalinie  nehmen,  um  in  nordöstlicher  Richtung
über  Grajewo  und  Lyck  die  Linie  Augustow—Suwalki  zu  erreichen.  Die
Mitte  der  deutschen  Schlachtordnung  hatte  Befehl,  standzuhalten  und  das
russische  Zencrum  zu  fesseln,  bis  die  Entscheidung  auf  den  Flügeln  gefallen
war.  Trafen  die  beiden  Umfassungsflügel,  den  Feind  schlagend  und  in  südöstlicher
  und  nordöstlicher  Richtung  zusammentreibend,  im  Raum  östlich
Suwallki  ein,  ehe  das  russische  Zentrum  sich  planmäßig  zurückbewegt  hatte,
um  das  Zusammenklappen  seiner  Flügel  zu  verhindern,  dann  war  das  Schicksal
der  Armee  Sievers  entschieden.  Der  Erfolg  hing  von  der  Stärke  und  der
Schnelligkeit  der  Bewegungen  der  deutschen  Flügelkorps  und  dem  rechtzeitigen
  kraftvollen  Zugreifen  der  Mitte  ab.  Der  Feldherr  legte  seinen  Armeen
über  70  Kilometer  Wegs  vor  die  Füße.  Diese  Strecke  mußte  binnen  wenigen
Tagen  in  Schnee  und  Eis,  in  Kampf  und  Sieg  durchmessen  werden,  um  das
Ergebnis  der  Bewegungen  in  einer  Vernichtungsschlacht  sicherzustellen.

Der  Hlan  verlangte  noch  mehr.  Wenn  die  deutschen  Flügelkorps
zwischen  Njemen  und  Angerapp  zur  doppelseitigen  Umfassung  nach  innen
schwenkten,  lagen  ihre  eigenen  Außenflanken  einer  Gegenumfassung  offen.
Hindenburg  schrieb  ihnen  daher  vor,  sich  hiegegen  zu  schücen,  denn  es  war
nicht  anzunehmen,  daß  eine  starke,  breitgelagerte  Armee  darauf  verzichten
werde,  die  doppelseitige  Umfassung  sofort  durch  Stöße  in  die  Flanken  der
vom  Umfang  zur  Mitte  strebenden  deutschen  Flügelkorps  abzuwehren.  Die
Sommerschlacht  bei  Tannenberg  hatte  solche  Kämpfe  gesehen.  Zu  ihr  kehrte
der  Dlan  der  Winterschlacht  in  Masuren  in  neuer  Gestalt  und  unter  veränderten
  strategischen  Verhältnissen  zurück.