Volltext : Reichs-Gesetzblatt. 1906. (40)

608  29.  Das  HBeitalter  Kaifer  Wilhelms  I.

geleiftet:  bejonders  trat  die  Unwahrheit  hervor  in  der  Behauptung,
daß  das  Fatholiiche  Gewifjen  jene  Nennung  an  den  Oberpräfidenten
verbiete,  während  anderswo  in  fatholiichen  Ländern  die  gleiche
Gepflogenheit  längjt  gejeglich  beitand  und  ohne  Anftand  beobachtet
wurde.  Die  preußische  Regierung  jebte  dem  Nichtgehorchen  Die
Strafe  entgegen  und  einer  der  Bilchöfe  nach  Dem  andern,  der  Pole
Lednohowsft  von  Bojen,  die  Erzbilchöfe  von  Köln  und  Breslau,  die
Bilchöfe  von  Trier  und  Paderborn,  wanderten  wie  andere  Schuldige
ins  Gefängnis.  Ein  Aufftand  der  Fatholiichen  Bevölferung  folgte
nicht  und  dieje  Lie  fich  auch  im  allgemeinen  in  ihren  weltlichen  Vergrrügungen
  durch  die  Tragif  diefes  Kampfes  nicht  ftören,  aber  fie  hielt
mit  Treue  feit  an  dem,  was  fie  al3  die  Sache  ihrer  Kirche  anjah,
und  dabei  fam  ihr  eines  vor  allem  zugute  —  da3  allgemeine
gleiche  geheime  Stimmrecht  bei  den  Neichstagswahlen.  Denn  ihre
Geiftlichen  beherrfchten  mit  den  Agitationsmitteln,  die  ihnen  die
DOrganijation  ihrer  Kirche  reichte,  die  Wählermaffen,  und  die  Elerifale
Partei  im  Reichstag,  die  fich  das  Zentrum  nannte,  jchwoll  binnen
furzer  Zeit  bi8  zu  hundert  Mitgliedern  an.  Dieje  Bartei,  welche
ihre  Disziplin  und  ihre  Schlagworte  nicht  erjt  zu  fuchen  brauchte,
fand  auc,  überaus  gejchickte  Yührer,  ehrliche  Gläubige,  wie  die
Ahgeordneten  Peter  Neichensperger  und  von  Mallindrodt,  und
auch  jolche,  wie  den  früheren  banndverfchen  Meinifter  Ludwig
MWindthorit,  bei  dem  der  politische  Ehrgeiz  eine  Rolle  jpielte,  und
die  e8  mit  dem  Glauben  und  der  Wahrheit  weniger  genau  nahmen.
Ein  längerer  ehr  unglücdlicher  Zuftand  folgte,  den  ein  nicht  jehr
treffendes  Wort  al3  Rulturfampf  bezeichnete.  Auch  der  PBapft
ließ  fi)  vernehmen:  in  einem  Briefe  an  den  Katjer  Wilhelm
vom  7.  Auguft  1874  beflagte  er  fih,  daß  die  Maßregeln  der
preußiichen  Regierung  mehr  und  mehr  auf  die  Vernichtung  des
Katholizismus  abzielten,  und  brauchte  dabei  im  Stil  Bonifaziug’  VIII
die  Wendung,  daß  „jeder,  der  die  Taufe  empfangen  hat,  in  irgend
einer  Beziehung  und  auf  irgend  eine  Weife,  welche  hier  näher  darzulegen
  nicht  der  Drt  fer,  dem  PBapfte  angehöre”;  was  Kater
Wilhelm  mit  dem  unliebjamen  Hinweis  erwiderte,  daß  der  evan-