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Es ließe sich überhaupt darüber rechten, ob mit Rücksicht auf das feindliche
Ausland und auf die Stimmung unserer auf ihre glänzenden Leistungen
mit vollem Rechte stolzen Armee, die einen anderen Dank von den Volksvertretern
erwarten durfte, der gegenwärtige Moment der geeignetste ist,
um alle diese Angelegenheiten zur Sprache zu bringen und auszutragen.
Die Hauptbeschwerden haben sich gegen die Militärgerichtsbarkeit und die
von den Truppen an der Front gegen Verrat selbst getroffenen scharfen
Maßregeln gerichtet. Sie müssen aber bedenken, m. H., daß Verrat im
eigenen Lande durch irregeleitete Elemente schärfste Repressalien nötig
macht, die auch berechtigt sind. Daß dabei Mißgriffe vorgekommen sind,
ist gewiß tief bedauerlich, aber durch die Umstände zum Teil erklärlich.
Der Verrat gefährdet das eigene und das Leben der Kameraden und
zeitigt ein entsetzliches Gefühl des Mißtrauens gegenüber den eigenen
Landsleuten. Infolge wechselseitiger Beschuldigung der Bevölkerung und
der ekelhaften Erscheinung anonymer Denunzianten, dann des Auftretens
bisher ungekannter Zustände von Kriegspsychose infolge der Einwirkun
neu erfundener Kriegsmittel mit nervenzerstörender Wirkung wurden bei
nicht ganz vollwertigen Individuen Instinkte geweckt, die gewiß an vielen
Orten Ausschreitungen hervorriefen, die nicht zu entschuldigen sind, die
aber bei der ungeheuren Zahl der die Uniform Tragenden oft nicht konstatiert
und bestraft werden konnten, weil die Spuren vielfach verwischt
wurden oder der Täter mittlerweile durch den Tod auf dem Schlachtfelde
seine Schuld gesühnt hatte. Schon die Kommandanten im Felde sind, wo
sie Kenntnis davon erhielten, solchen Untaten schon im Interesse der
Disziplin vielfach entgegengetreten, wo dies nicht geschehen konnte, wird
weiterhin auch jeder einzelne Fall untersucht werden, wenn verläßliche genaue
Daten zu Gebote stehen. Wenn, wie bekannt, die politische Vergiftung
in manchen, Gott sei Dank nur wenigen Fällen den Charakter einer Massenerscheinung
gezeitigt hat, so hat sich die große Gesamtheit, Offiziere und
Mannschaft aller Nationalitäten, das ganze Volk in Waffen an der Front,
in der Etappe und bei der Riesenarbeit im Hinterlande herrlich bewährt.
Ich muß daher Angriffe, die nicht nur die einzelnen Fehler im Gesamtbild
als solche kennzeichnen, sondern verallgemeinern wollen, als ungerechtfertigt
pflichtgemäß scharf zurückweisen und bin mir dabei der Zustimmung
eines Großteiles des hohen Hauses sicher bewußt.
26. Juni. Kaiser Karl weilt an der Tiroler Front.
27.—28. Juni. (Osterr. Abgeordnetenhaus.) Interp.
betr. Beleidigung des Offiziersstandes. Dritte Lesung des Budgetprovisoriums.
Verlängerung der Mandatsdauer. Friedensfrage.
Ein Antrag, über die schriftl. Interpellationsbeantwortung des
früh. Landesverteidigungsministers auf die Interpellation Langenhan (s. o.)
die Debatte zu eröffnen, wird mit 189 gegen 135 Stimmen abgelehnt.
Das Budgetprovisorium wird in dritter Lesung genehmigt. Die
Borlage betr. Verlängerung der Wahlperiode der Mitglieder des Abgeordnetenhauses
bis zum 31. Dez. 1918 wird in zweiter und dritter Lesung
angenommen.
Es folgt die Verhandlung über die dringlichen Anfragen der Abgg.
Daszynski, Dr. Stojan und Dr. Hruban betr. die Vorbereitungen
für eventuelle Friedensverhandlungen.
Abg. Daszynski (poln. Soz.) führt aus, daß durch die Hochspannung
der kapitalistischen Gegensätze, die man kurz die imperialistische Politik der
Staaten nennt, der Weltkrieg entstanden sei. Niemand ahnte, daß der
Europäischer Geschichtskalender. LVIII . 9