Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Zweiter Teil. (58b)

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Es  ließe  sich  überhaupt  darüber  rechten,  ob  mit  Rücksicht  auf  das  feindliche
Ausland  und  auf  die  Stimmung  unserer  auf  ihre  glänzenden  Leistungen
mit  vollem  Rechte  stolzen  Armee,  die  einen  anderen  Dank  von  den  Volksvertretern
  erwarten  durfte,  der  gegenwärtige  Moment  der  geeignetste  ist,
um  alle  diese  Angelegenheiten  zur  Sprache  zu  bringen  und  auszutragen.
Die  Hauptbeschwerden  haben  sich  gegen  die  Militärgerichtsbarkeit  und  die
von  den  Truppen  an  der  Front  gegen  Verrat  selbst  getroffenen  scharfen
Maßregeln  gerichtet.  Sie  müssen  aber  bedenken,  m.  H.,  daß  Verrat  im
eigenen  Lande  durch  irregeleitete  Elemente  schärfste  Repressalien  nötig
macht,  die  auch  berechtigt  sind.  Daß  dabei  Mißgriffe  vorgekommen  sind,
ist  gewiß  tief  bedauerlich,  aber  durch  die  Umstände  zum  Teil  erklärlich.
Der  Verrat  gefährdet  das  eigene  und  das  Leben  der  Kameraden  und
zeitigt  ein  entsetzliches  Gefühl  des  Mißtrauens  gegenüber  den  eigenen
Landsleuten.  Infolge  wechselseitiger  Beschuldigung  der  Bevölkerung  und
der  ekelhaften  Erscheinung  anonymer  Denunzianten,  dann  des  Auftretens
bisher  ungekannter  Zustände  von  Kriegspsychose  infolge  der  Einwirkun
neu  erfundener  Kriegsmittel  mit  nervenzerstörender  Wirkung  wurden  bei
nicht  ganz  vollwertigen  Individuen  Instinkte  geweckt,  die  gewiß  an  vielen
Orten  Ausschreitungen  hervorriefen,  die  nicht  zu  entschuldigen  sind,  die
aber  bei  der  ungeheuren  Zahl  der  die  Uniform  Tragenden  oft  nicht  konstatiert
  und  bestraft  werden  konnten,  weil  die  Spuren  vielfach  verwischt
wurden  oder  der  Täter  mittlerweile  durch  den  Tod  auf  dem  Schlachtfelde
seine  Schuld  gesühnt  hatte.  Schon  die  Kommandanten  im  Felde  sind,  wo
sie  Kenntnis  davon  erhielten,  solchen  Untaten  schon  im  Interesse  der
Disziplin  vielfach  entgegengetreten,  wo  dies  nicht  geschehen  konnte,  wird
weiterhin  auch  jeder  einzelne  Fall  untersucht  werden,  wenn  verläßliche  genaue
  Daten  zu  Gebote  stehen.  Wenn,  wie  bekannt,  die  politische  Vergiftung
in  manchen,  Gott  sei  Dank  nur  wenigen  Fällen  den  Charakter  einer  Massenerscheinung
  gezeitigt  hat,  so  hat  sich  die  große  Gesamtheit,  Offiziere  und
Mannschaft  aller  Nationalitäten,  das  ganze  Volk  in  Waffen  an  der  Front,
in  der  Etappe  und  bei  der  Riesenarbeit  im  Hinterlande  herrlich  bewährt.
Ich  muß  daher  Angriffe,  die  nicht  nur  die  einzelnen  Fehler  im  Gesamtbild
  als  solche  kennzeichnen,  sondern  verallgemeinern  wollen,  als  ungerechtfertigt
  pflichtgemäß  scharf  zurückweisen  und  bin  mir  dabei  der  Zustimmung
eines  Großteiles  des  hohen  Hauses  sicher  bewußt.

26.  Juni.  Kaiser  Karl  weilt  an  der  Tiroler  Front.
27.—28.  Juni.  (Osterr.  Abgeordnetenhaus.)  Interp.
betr.  Beleidigung  des  Offiziersstandes.  Dritte  Lesung  des  Budgetprovisoriums.

  Verlängerung  der  Mandatsdauer.  Friedensfrage.

Ein  Antrag,  über  die  schriftl.  Interpellationsbeantwortung  des
früh.  Landesverteidigungsministers  auf  die  Interpellation  Langenhan  (s.  o.)
die  Debatte  zu  eröffnen,  wird  mit  189  gegen  135  Stimmen  abgelehnt.

Das  Budgetprovisorium  wird  in  dritter  Lesung  genehmigt.  Die
Borlage  betr.  Verlängerung  der  Wahlperiode  der  Mitglieder  des  Abgeordnetenhauses
  bis  zum  31.  Dez.  1918  wird  in  zweiter  und  dritter  Lesung
angenommen.

Es  folgt  die  Verhandlung  über  die  dringlichen  Anfragen  der  Abgg.
Daszynski,  Dr.  Stojan  und  Dr.  Hruban  betr.  die  Vorbereitungen
für  eventuelle  Friedensverhandlungen.

Abg.  Daszynski  (poln.  Soz.)  führt  aus,  daß  durch  die  Hochspannung
der  kapitalistischen  Gegensätze,  die  man  kurz  die  imperialistische  Politik  der
Staaten  nennt,  der  Weltkrieg  entstanden  sei.  Niemand  ahnte,  daß  der

Europäischer  Geschichtskalender.  LVIII  .  9