Full text : Der Krieg gegen Frankreich und die Einigung Deutschlands.

116

Daß  unter  solchen  Verhältnissen  bei  den  Deutschen  manchmal  die  Gemhtlichkeit  aufhörte  urd  sie  die  widerhaarigen
  Pisangs  mit  rauhen  Hünden  anfasten,  war  nicht  zu  verwundern.  Doch  keine  schändliche  Gewaltthat,
etwa  Frauen  gegenüber,  ist  je  verübt  worden,  und  die  Fraugosen  sahen  Überall  ein,  daß  diese  angeblichen  Teufel
im  Grunde  gutherzige  Menschen  waren.  Dann  kam  anch  bei  ihnen  oft  der  liebenswürdige  Charakter  der  Nation
unter  der  traurigen  Hülle  von  Verblendung  und  Fanatismus  zum  Vorschein.  Befonders  staunten  sie  über  die
durch  nichts  zu  erschütternde  deutsche  Kriegszucht  und  den  unverbrüchlichen  Gehorsam  der  Soldaten  gegen  alle  Vorgesetzten.
  Der  Krieg  wird  immer  eine  schwere  Geißel  sein,  und  daher  gebietet  verstandesgemäße  Selbsterhaltungspflicht
  den  Angehörigen  des  besiegten  Volkes,  die  keine  Waffen  tragen,  den  Siegern  eine  schonende  Kriegführung
zu  ermöglichen.  Die  Franzosen  vergaßen  das  gar  sehr  und  mußten  dafür  büßen;  sie  klagten  dann  über  traurige
Vorgänge,  die  sie  selbst  hervorriefen,  und  erfüllten  die  Welt  mit  ungerechtfertigten  Beschuldigungen  gegen  die  wilden
„Prussiens“.  Leider  mißbrauchten  sie  auch  die  ihnen  erwiesene  Güte  nicht  selten  und  wurden  erst  recht  aufsässig.
Wie  oft  kam  den  Unsern
der  Gedanke:  gottlob,  daß
nicht  die  Franzosen  nach
Deutschland  gekommen
sind;  unzweifelhaft  würden
  diese  in  ihrem  durch
Siege  gesteigerten  Übermut
  ganz  anders  gehaust
haben.  Schon  die  höhere
Bildung  der  Deutschen,
von  denen  so  viele  die
Sprache  des  fremden  Landes
  redeten,  brachte  den
Franzosen  große  Erleichterungen.


Fechten,  frieren,  hungern,
  hetzen  war  das  Los
der  Deutschen  an  der  Loire.  Die  Franzosen  jammerten  über  die  Leiden  ihrer  Landsleute,  die  doch  den  großen
Vorteil  hatten,  in  der  Heimat  zu  sein.  Die  Deutschen,  den  gleichen  Drangsalen  in  der  feindlichen  Fremde  ausgesetzt,
  sehnten  sich  wohl  nach  dem  Frieden,  aber  waren  dennoch  bereit,  so  weiter  um  die  ganze  Welt  zu  laufen,
um  ihn  zu  einem  ehrenvollen  zu  machen.

Unendliches  Elend  kam  über  diese  Gegenden.  Zahlreiche  Dörfer  auf  den  Schlachtfeldern  lagen  öde  und  von
Menschen  gemieden  in  Asche,  unzählige  Bewohner  in  den  von  den  endlosen  Truppenzügen  heimgesuchten  Strichen
verloren  ihre  ganze  Habe.  Krankheiten  brachen  aus,  von  denen  auch  die  Deutschen  nicht  verschont  blieben.  Zum
Glück  waren  sie  wenigstens  durch  die  beim  Heer  übliche  Impfung  gegen  die  schwarzen  Pocken,  die  unter  den
Franzosen  fürchterlich  wüteten,  fast  ganz  gefeit.  Wie  viele  Menschen  die  Franzosen  in  diesen  Loirekämpfen  auch
außerhalb  der  Schlachtfelder  einbüßten,  ist  kaum  zu  ermessen.  Nicht  bloß,  daß  von  ihren  schlecht  und  gar  nicht
gepflegten  Verwundeten  eine  überaus  große  Menge  einging,  auch  Unversehrte  brachen  entkräftet  zusammen.  Die
Straßen  lagen  voll  von  diesen  Unglücklichen.  Und  dennoch  hat  die  Beauce  nur  einen  Teil  des  Jammers,  den
die  Fortsetzung  des  Krieges  auf  Frankreich  häufte,  gesehen:  auch  andere  Gebiete  mußten  ein  gleich  vollgerütteltes
Maß  auf  sich  nehmen.

15“