Full text : Unser Preußen.

1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  63

mittelbare  Hilfe  zu  bringen,  ließ  er  sich  von  dem  kaiserlichen  Feldherrn  bewegen,
  mit  ihm  an  den  Oberrhein  zu  ziehen.  Obwohl  auch  hierdurch  ein
französisches  Heer  von  den  Holländern  abgezogen  wurde,  verweigerten  diese
dennoch  die  Zahlung  der  versprochenen  Hilfsgelder.  Da  Friedrich  Wilhelm
sah,  wie  der  Kaiser  den  Krieg  nur  zum  Schein  führte,  wie  Kleve  verwüstet
und  Brandenburg  von  den  Schweden  bedroht  wurde,  und  da  er  wußte,  daß
Holland  schon  längere  Zeit  mit  Frankreich  über  den  Frieden  unterhandelte,
schloß  er  1673  mit  Frankreich  den  Frieden  zu  Vossem  (bei  Brüssel),  in
welchem  er  außer  einer  Geldentschädigung  seine  verlorenen  Gebiete  zurückerhielt
  und  versprach,  den  Feinden  Frankreichs  so  lange  keinen  Beistand  leisten
zu  wollen,  als  das  deutsche  Reich  nicht  angegriffen  werde.

Als  das  deutsche  Reich  den  Franzosen  (1674)  den  Krieg  erklärte,  weil
sie  in  Franken  und  Hessen  eindrangen  sowie  die  Pfalz  besetzten,  mußte  auch
Friedrich  Wilhelm  wieder  das  Schwert  ziehen;  aber  er  stellte  nicht  nur  seine
pflichtmäßige  Truppenzahl,  sondern  schloß  mit  dem  Kaiser,  mit  Holland  und
Spanien  ein  Schutz=  und  Trutzbündnis,  in  welchem  er  sich  verpflichtete,  gegen
Hilfsgelder  16000  Mann  zu  stellen.  Dabei  wurde  auch  festgesetzt,  daß  keiner
ohne  den  andern  Frieden  schließen  dürfe.  Auch  in  diesem  Feldzuge  richteten
die  Verbündeten  durch  Schuld  des  kaiserlichen  Feldherrn  nichts  aus;  der  Kurfürst
  erhielt  dem  Vertrage  entgegen  nicht  den  Oberbefehl  über  das  Heer,  dem
seine  Truppen  angehörten;  trotz  seiner  wiederholten  Aufforderung  griff  der
kaiserliche  Feldderr  das  nur  halb  so  starke  französische  Heer  nicht  an.  Zu
diesem  Arger  traf  den  Kurfürsten  noch  der  Schmerz,  daß  er  seinen  hoffnungsvollen
  Sohn  Karl  Emil  im  Feldlager  —  wie  er  glaubte,  an  Gift  —  verlor.
Auch  die  Holländer  kämpften  unglücklich,  so  daß  der  ganze  Feldzug  mißglückte.
Dennoch  wollte  Ludwig  sich  den  Großen  Kurfürsten,  seinen  thätigsten  Gegner,
gern  vom  Halse  schaffen  und  bewog  deshalb  die  Schweden,  Ende  des  Jahres
1674  von  Vorpommern  aus  plündernd,  sengend  und  brennend  in  Hinterpommern
  und  die  Neumark,  in  die  Uckermark,  Prignitz  und  ins  Havelland
einzufallen.  Die  Hannoveraner  und  Bayern  waren  mit  Schweden  verbündet,
und  die  Polen,  von  Frankreich  aufgestachelt,  bereit,  in  Preußen  einzufallen.
Der  Kurfürst  hatte  bei  Schweinfurt  in  Franken  Winterquartiere  bezogen.
Als  er  die  Nachricht  von  dem  Einfall  der  Schweden  erhielt,  rief  er:  „Die
Schweden  sind  in  die  Mark  eingefallen;  auf  die  Art  könnte  ich  ganz  Pommern
erhalten.“  Er  beschloß  sofort,  den  Kampf  mit  Schweden  zu  Wasser  und  zu
Lande  aufzunehmen,  und  eilte  nach  dem  Haag,  um  Bundesgenossen  zu  werben.
Holland,  der  Kaiser,  Spanien  und  Dänemark  erklärten  zwar  den  Schweden
den  Krieg;  aber  Friedrich  Wilhelm  wußte  wohl,  daß  er  auf  ihre  Hilfe  nicht
viel  rechnen  dürfe.  Er  schloß  einen  Vertrag  mit  dem  Holländer  Benjamin
Raule,  der  brandenburgische  Kriegsschiffe  ausrüsten  mußte,  und  ließ  Seesoldaten
  werben.  Inzwischen  hatten  sich  die  gequälten  Bauern  der  Marken
schon  hier  und  da  erhoben  und,  mit  Heugabeln  und  Senusen  bewaffnet,  zerstreute
  Haufen  der  Schweden  erfolgreich  überfallen.  Eine  ihrer  Fahnen,  die
noch  aufbewahrt  wird,  trägt  die  Inschrift:

„Wihr  Bauern  von  geringem  Guth
Dienen  unsern  gnädigen  Kurfürsten  und  Herru  mit  unsern  Blut.“