Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

6  I.  1.  Deutschland  nach  dem  Westphälischen  Frieden.

seine  Nordmarken  berührten  das  harte  Lutherthum  Skandinaviens,  doch
seine  Kernlande  blieben  der  Sammelplatz  dreier  Bekenntnisse.  Die  deutsche
Nation  war  das  einzige  paritätische  unter  den  großen  Völkern  und  darum
gezwungen,  den  blutig  erkämpften  kirchlichen  Frieden  in  Staat  und  Ge—
sellschaft,  in  Haus  und  Schule  durch  die  Gewöhnung  jedes  neuen  Tages
zu  befestigen.  Vor  Zeiten,  da  die  römische  Kirche  noch  die  allgemeine
Kirche  war  und  die  Keime  des  Protestantismus  in  sich  umschloß,  hatte
sie  unser  Volk  für  die  Gesittung  erzogen,  seine  Kunst  und  Wissenschaft
reich  befruchtet.  Als  sie  diese  Mächte  der  Freiheit  ausstieß  und  gestützt
auf  die  romanischen  Völker  sich  umgestaltete  zu  einer  geschlossenen  kirch—
lichen  Partei,  da  gelang  ihr  zwar  durch  die  Herrscherkunst  des  Hauses
Habsburg  einen  Theil  des  deutschen  Reiches  zurückzuerobern;  dem  Ge—
müthe  unseres  Volkes  blieb  der  jesuitische  Glaube  immer  fremd.  Die
reichen  geistigen  Kräfte  der  neu-römischen  Kirche  entfalteten  sich  prächtig
in  ihren  romanischen  Heimathlanden;  in  diesem  feindlichen  deutschen
Boden,  in  diesem  Volke  geborener  Ketzer  wollten  sie  nicht  Wurzel  schlagen.
Hier  sang  kein  Tasso,  kein  Calderon,  hier  malte  kein  Rubens,  kein  Murillo.
Fast  Niemand  unter  den  faulen  Bäuchen  des  deutschen  Mönchthums  wett—
eiferte  mit  dem  Gelehrtenfleiße  der  ehrwürdigen  Väter  von  St.  Maur.
Die  Gesellschaft  Jesu  erzog  unter  den  Deutschen  viele  fromme  Priester
und  gewandte  Staatsmänner,  auch  manche  plumpe  Eiferer,  welche,  wie
Pater  Busenbaum,  mit  ungeschlachter  Germanenderbheit  der  Welt  das
Geheimniß  verriethen,  daß  der  Zweck  die  Mittel  heilige;  doch  ihre  ge—
sammte  Bildung  war  das  Werk  romanischer  Köpfe,  wie  die  sinnberauschen—
den  Formen  ihres  Cultus.  In  Deutschland  wirkte  der  neue  Katholicismus
nur  hemmend  und  verwüstend;  sein  geistiges  Vermögen  verhielt  sich  zu
der  Gedankenwelt  der  deutschen  Protestanten  wie  die  unfruchtbare  Scho—
lastik  unseres  ersten  Jesuiten  Canisius  zu  der  schlichten  Weisheit  der
Werke  Luther's.  Rom  wußte  es  wohl,  Deutschland  blieb  die  feste  Burg
der  Ketzerei,  trotz  aller  Massenbekehrungen  der  Gegenreformation.  Das
Mark  unseres  Geistes  war  protestantisch.

Die  theuer  erkaufte  kirchliche  Duldung  bereitete  die  Stätte  für  eine
maßvolle  Freiheit,  eine  besonnene  Verwegenheit  des  Denkens,  die  unter
der  Alleinherrschaft  einer  Kirche  niemals  gedeihen  kann.  Auf  solchem
Boden  erwuchs,  sobald  das  erschöpfte  Volk  wieder  geniale  Naturen  zu
ertragen  vermochte,  unsere  neue  Wissenschaft  und  Dichtung,  die  wirksamste
Literatur  der  neuen  Geschichte,  protestantisch  von  Grund  aus  und  doch
weltlich  frei  und  mild.  Sie  schenkte  der  verkümmerten  Nation  auf's  Neue
eine  mächtige  Sprache,  gab  ihr  die  Ideale  der  Humanität  und  den
Glauben  an  sich  selbst  zurück.  Also  sind  unserem  Volke  selbst  die  Nieder—
lagen  der  Reformation  zuletzt  zum  Segen  geworden.  Gezwungen,  alle
die  großen  Gegensätze  des  europäischen  Lebens  in  seinem  eigenen  Schooße
zu  beherbergen,  ward  Deutschland  fähig,  sie  alle  zu  verstehen  und  mit