Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Einschreiten  des  Königs.  637

sich  Alexander,  so  dürfen  die  drei  Mächte  keinen  Vertrag  mit  ihm  schließen,
sondern  sie  müssen  die  Frage  offen  lassen  und  bestimmt  erklären,  daß  sie
von  ihrer  Ansicht  nicht  abgehen  würden,  aber  auch  in  diesem  Falle  müssen
sie  so  weit  als  möglich  Frankreich  fern  halten.

Ein  wunderlicher  Anblick,  wie  der  geistvolle  Mann  immer  wieder  sein
Roß  bis  dicht  an  den  Graben  heranführt  und  sich  doch  nicht  das  Herz
faßt  das  Hinderniß  zu  nehmen.  Er  sieht,  daß  die  vorgeblichen  Bundesge—
nossen  ganz  andere  Pläne  verfolgen  als  Preußen  selbst,  daß  Preußen  für
sich  bei  diesem  diplomatischen  Feldzuge  nichts  Wesentliches  gewinnen  kann;
er  ahnt  die  Nichtigkeit  der  österreichischen  Versprechungen;  er  begreift,  daß
aus  dem  Kampfe  gegen  Rußland  nur  Frankreich  Vortheil  ziehen  wird.
Wir  erwarten,  die  einzig  mögliche  Schlußfolgerung  schwebe  dem  scharf—
sinnigen  Denker  schon  auf  den  Lippen.  Da  führt  ihn  ein  wunderbar  künst—
licher  Gedankengang  zu  der  ungeheuerlichen  Ansicht:  die  erste  und  selbst—
verständliche  Pflicht  jedes  preußischen  Staatsmannes,  die  Pflicht,  des
eigenen  Landes  Macht  zu  sichern,  sei  eine  niedrige  Sorge  für  „das  per—
sönliche  Interesse  Preußens“!  Die  gleißnerische  englische  Phrase  von  „der
Sache  Europas“  berauscht  auch  diesen  kalten  Kopf!  Es  ist  dieselbe  über—
irdische  Großmuth,  dieselbe  übergeistreiche  Willensschwäche,  die  in  unserer
Geschichte  immer  mit  unheimlicher  Regelmäßigkeit  den  großen  Zeiten  kühn
zugreifender  Thatkraft  zu  folgen  pflegt.  Auch  der  gelehrte  Hoffmann  be—
gnügte  sich  mit  unfruchtbaren  Klagen  über  die  Feindseligkeit  fast  aller
Mächte  gegen  Preußen;)  er  so  wenig  wie  Humboldt  fand  den  einfachen
Schluß,  daß  man  die  erdrückende  Masse  der  Gegner  sprengen  und  mindestens
  mit  einer  der  fremden  Mächte  sich  abfinden  müsse.

Was  man  von  Oesterreich  zu  erwarten  habe,  konnte  nur  der  gutmüthigen
  Schwäche  noch  zweifelhaft  scheinen.  Eben  jetzt  traten  auf  Befehl
  ihres  Kaisers  Metternich,  Stadion  und  Schwarzenberg  zu  einem  Rathe
zusammen  und  beschlossen,  Preußen  müsse  durchaus  wieder  bis  zur  Weichsellinie
  vorrücken.  Zur  selben  Zeit  ließ  Metternich  dem  Czaren  vertraulich  anbieten,
  Oesterreich  sei  bereit  in  der  polnischen  Sache  nachzugeben,  wenn  Rußland
  die  sächsischen  Ansprüche  Preußens  nicht  mehr  unterstütze.  So  versicherte
Alexander  seinem  königlichen  Freunde  auf  das  Bestimmteste;  Metternich,
nach  seiner  Gewohnheit,  leugnete  Alles.  Da  aber  jenes  Anerbieten  genau
übereinstimmt  mit  der  gleich  nachher  von  Oesterreich  wirklich  eingehaltenen
Politik,  so  ist  diesmal  der  Czar  sicherlich  nicht  der  Lügner  gewesen.  —

Eine  unerhörte  Demüthigung  stand  dem  preußischen  Staate  bevor;
da  griff  König  Friedrich  Wilhelm  rettend  ein.  Es  war  vielleicht  der  heilsamste
  diplomatische  Entschluß  seines  Lebens.  Am  6.  November  hatte  er  mit
dem  Czaren  eine  lange  Unterredung  im  engsten  Kreise.*)  Die  beiden

*)  Hoffmann's  Bemerkungen  zu  seiner  Statistischen  Uebersicht,  30.  Oct.  1814.
**)  Möglicherweise  hat  diese  Unterredung  schon  am  5.  Nov.  stattgefunden,  wie  das
allerdings  sehr  ungenaue  Tagebuch  Hardenberg's  angiebt.