Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Heerwesen.  73

Spanien  und  Portugal  seine  rastlos  gewaltsame  Völkerbeglückung  begann.
Am  längsten  sträubte  sich  der  Stolz  der  französischen  Bourbonen  wider
die  neue  Auffassung  der  Monarchie;  mit  spöttischem  Lächeln  erzählte  man
sich  zu  Versailles,  daß  am  Potsdamer  Hofe  der  Oberkammerherr  noch
niemals  dem  Könige  das  Hemd  gereicht  habe.  Erst  da  es  zu  spät  war,
da  die  Mächte  der  Revolution  schon  an  die  Thore  klopften,  begann  man
etwas  zu  ahnen  von  den  Pflichten  des  Königthums.  Die  Krone  der
Bourbonen  ist  aus  dem  trüben  Dunstkreise  höfischer  Selbstvergötterung
und  Menschenverachtung  niemals  gänzlich  hinausgekommen,  darum  ging
sie  schimpflich  zu  Grunde.  Den  Deutschen  aber  wurde  die  monarchische
Gesinnung,  die  unserem  Volke  im  Blute  lag  und  selbst  in  den  Jahrhunderten
  der  ständischen  Vielherrschaft  nicht  völlig  verloren  ging,  durch
König  Friedrich  auf's  Neue  gekräftigt.  In  keiner  andern  Nation  der
neuen  Geschichte  hat  das  Königthum  seine  Aufgabe  so  groß  und  hochsinnig
  verstanden;  darum  blieb  das  deutsche  Volk,  selbst  als  die  Zeit  der
parlamentarischen  Kämpfe  kam,  das  am  treuesten  monarchisch  gesinnte
unter  den  großen  Culturvölkern.

Die  Friedensliebe  des  hohenzollernschen  Hauses  war  auch  in  seinem
größten  Kriegsfürsten  lebendig.  Friedrich  schätzte  die  Macht,  doch  nur  als
ein  Mittel  für  den  Wohlstand  und  die  Gesittung  der  Völker;  daß  sie  jemals
Selbstzweck  sein,  daß  der  Kampf  um  die  Macht  als  solche  schon  historischen
Ruhm  verleihen  sollte,  erschien  ihm  als  eine  Beleidigung  der  fürstlichen
Ehre.  Darum  schrieb  er  seine  leidenschaftliche  Streitschrift  gegen  Macchiavelli.
Darum  kam  er  in  seinen  Schriften  immer  wieder  auf  das  abschreckende
Beispiel  Karl's  XII.  von  Schweden  zurück.  Er  mochte  insgeheim  fühlen,
daß  in  seiner  eigenen  Brust  dämonische  Kräfte  arbeiteten,  die  ihn  zu  ähnlichen
  Verirrungen  mißleiten  konnten,  und  ward  nicht  müde  die  Hohlheit
des  zwecklosen  Kriegsruhms  zu  schildern,  ließ  im  runden  Saale  zu  Sanssouci
  die  Büste  des  Schwedenkönigs  verächtlich  unter  den  Füßen  der  Muse
aufstellen.  Schon  in  seinen  brausenden  Jünglingsjahren  war  er  mit  sich
im  Reinen  über  die  sittlichen  Zwecke  der  Macht;  „dieser  Staat  muß  stark
werden,“  so  schrieb  er  damals,  „damit  er  die  schöne  Rolle  spielen  kann  den
Frieden  zu  erhalten  allein  aus  Liebe  zur  Gerechtigkeit,  nicht  aus  Furcht.
Wenn  aber  jemals  in  Preußen  Unrecht,  Parteilichkeit  und  Laster  überhand
  nähmen,  dann  wünsche  ich  dem  Hause  Brandenburg  schleunigen
Untergang.  Das  sagt  Alles.“  Als  er  nach  dem  siebenjährigen  Kriege  sich
stark  genug  fühlte  aus  Gerechtigkeit  den  Frieden  zu  wahren,  da  wendete
er  seine  Sorge  mit  solchem  Eifer  der  Wiederherstellung  des  Volkswohlstandes
  zu,  daß  die  Armee  geradezu  geschädigt  wurde.

Es  ist  nicht  anders:  der  Feldherr,  der  die  Fahnen  Preußens  mit
Lorbeeren  überschüttet  hatte,  binterließ  die  Armee  in  schlechterem  Zustande
als  er  sie  bei  seiner  Thronbesteigung  vorgefunden,  reichte  als  militärischer
Organisator  an  seinen  rauhen  Vater  nicht  heran.  Er  bedurfte  der  fleißigen