Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Zweiter Teil. Bis zu den Karlsbader Beschlüssen. (25)

Literatur  und  Politik.  15

als  einen  Vorkämpfer  der  Freiheit  gegen  die  tenebriones,  die  Dunkelmänner
  in  Staat  und  Kirche.  Auch  die  rein  politischen  Parteien,  deren
schwache  Anfänge  sich  endlich  bildeten,  gingen  geradeswegs  aus  dem  literarischen
  Leben  hervor.  Das  unmittelbare  Eingreifen  der  politischen  Theorie
in  die  Geschicke  der  Staaten,  das  die  moderne  Geschichte  so  auffällig  von
den  naiveren  Zeiten  des  Altertums  und  des  Mittelalters  unterscheidet,
zeigte  sich  nirgends  stärker  als  hier  in  dem  Lande  der  Gelehrsamkeit.  Nicht
aus  den  Klasseninteressen  eines  reichen  und  selbstbewußten  Bürgertums
entsprang  der  deutsche  Liberalismus,  sondern  aus  den  Schulbegriffen  der
Gelehrten.  Mit  jener  unbestimmten  historischen  Sehnsucht  nach  den  großen
  Tagen  des  alten  Kaisertums,  die  zur  Zeit  der  Fremdherrschaft  zuerst
  in  den  literarischen  Kreisen  entstanden  war,  vermischten  sich  allmählich
die  Lehren  der  neuen  Philosophie  über  das  natürliche  Recht  der  freien
Persönlichkeit,  sodann  einige  Sätze  aus  Montesquien  und  Rousseau,  endlich
  auch  ein  gutes  Teil  unbewußter  gelehrter  Standesvorurteile.  So
entstand  ein  System  von  vernunftrechtlichen  Begriffen,  welche  unser  Volk
durch  die  Freiheit  zu  seiner  alten  Macht  emporführen  sollten.  Die  Doktrin
trat  sogleich,  in  Rottecks  Schriften,  fertig  ausgearbeitet  hervor  wie  das
Lehrgebäude  eines  Philosophen  und  erhob  auch  wie  ein  philosophisches
System  den  Anspruch,  sich  in  der  Welt  durchzusetzen  durch  die  Macht  der
Gründe,  der  theoretischen  Unwiderleglichkeit.  Der  Sturz  des  napoleonischen
  Weltreichs  —  daran  bestand  unter  den  literarischen  Politikern  kein
Zweifel  —  war  allein  gelungen  durch  die  Macht  der  Ideen,  die,  in  den
Kreisen  der  Wissenden  geboren,  dann  das  Volk  ergriffen  und  endlich  selbst
die  widerstrebenden  Kronen  mit  fortgerissen  hatten  zum  heiligen  Kampfe.
So  schien  auch  Deutschlands  innere  Befreiung  wohlgesichert,  wenn  sich
nur  alle  Patrioten  die  Heilswahrheiten  der  neuen  konstitutionellen  Doktrin
ganz  zu  eigen  machten  und  an  diesem  Bekenntnis  mit  der  Überzeugungstreue
  des  Gelehrten  oder  des  kirchlichen  Märtyrers  unerschütterlich  festhielten.
  Daß  der  Staat  Macht  ist  und  der  Welt  des  Willens  angehört,
blieb  diesem  Geschlechte  wohlmeinender  Gelehrter  noch  ganz  verborgen.
Erst  nach  Jahrzehnten  voll  schwerer  Verirrungen  und  Enttäuschungen  sollte
das  deutsche  Parteileben  der  Wiege  der  Doktrin  entwachsen  und  von  der
Politik  des  Bekenntnisses  sich  erheben  zu  der  Politik  der  Tat.

In  den  romanischen  Ländern  hatte  die  Poesie  überall,  wenn  sie  sich
einmal  zu  klassischer  Vollendung  erhob,  dem  Geiste  der  Nation  auf  lange
hinaus  Form  und  Richtung  gegeben.  Der  unbändige  Trotz  der  Deutschen
  wollte  sich  selbst  während  der  goldenen  Tage  von  Weimar  niemals
der  Herrschaft  einer  Regel  beugen;  noch  als  Schiller  und  Goethe  auf  der
Höhe  ihres  Schaffens  standen,  begann  die  Romantik  bereits  den  Sturmlauf
  gegen  das  klassische  Ideal.  Während  der  Befreiungskriege  verstummte
der  literarische  Kampf;  die  Sorge  um  das  Vaterland  drängte  alle  anderen
Gedanken  zurück;  die  wenigen  Schriften,  die  sich  in  der  wilden  Zeit  heraus-