Full text : Rosenheimer Anzeiger. 63. Jahrngang (63)

Kummer  228

daß  dort  neue  Verlustlisten  über  das  amerikaiscs
  Konlingent  in  Europa  ausgegeben  werden
  und  daß  die  bisherigen  amerilanischen  Verluste
  damit  925  Mann  erreicht  haben.  Schweizerische
  Blälter  knüpfen  hieran  interessante  Kom
mentare,  die  die  lächerlich  geringe  Beteiligung
der  amerikanischen  Truppen  auf  dem  europäischen
  Kriegsschauplatz  an  der  Hand  der
bieberigen  Verluste  feststellen  und  h'  inzufügen,
diese  beschridene  Beteiligung  Amerilus  an  den
europäischen  Schlachten  siele  nach  fast  6  Mo
naten  Beteiligung  der  Union  besonders  auf
und  werde  in  den  Ententeländern  alles  andere
als  Begeisterung  erwecken.
Feuertaufe  der  Lmertinnan,n

Berlin,  2.  Oltober.  „Voss.  Zeilung“
berichtet  aus  Gens:  #eie  einen  amerilanischen
Eisenbaltnerregiments,  das  eine  Linie  hinter  der
Front  besichtigte,  wurde  von  deutschen  Fliegern
  mit  Masckinengemehren  angegrifsen.  Somit
  wurden  die  ersten  amerilanischen  Soldaten
durch  deulsche  Flieger  verwundet.

 

Dle  Vorgäuge  in  Roßsand,

Warum  tun  die  Russen  nichte  für  den
Friedeu=Stockholm,

  J.  Oltober.
beute  in  Rußland  fait  jeder.  Man  mus  sich
bie  objellk##en  Schwicrigleinen  llar  machen,
die  der  Friedensaltion  m  Wege  stehen.  D
T  Tce  Hindernis  einer  russischen  Friedens#allion
st  die  wirlschaftliche  Abhängigleit  Rußtands
von  der  Cniente.  insbesondere  von  Amerila.
ußlands  Vollswirischaft  ist  von  der  surchtbar
sten  Kalastrorxhe  bedroht,  wenn  er  niähll  Wofür
  Woche  die  allernolwendigsten  Indnstrieprodulie
  belommt.  die  es  braucht.  wenn
nicht  immer  Eisenbuhnmaterial  und  Munition
aus  dem  Ausiand  zugeführt  wird.  Nicht  ein
mal  die  große  Ausgabe  der  Demobilisierung
seiner  Armee  lönme  Rußland  durchsühren  ohne
sehr  ausgiebige  Oilfe  Amerilas  für  seine  Eisen.
babnen.  Das  macke  alles  Rufiland  im  höchiten
Maße  abhängt  g.  namentlick  von  den  Vereinigten
  Staalen,  die  die  Hauptlieferanten  sind,  und
dies  wird  von  der  Entente  sehr  aus  genützt.  Jaran
  spiell  gegen  Rußland  die  Rolle  eines  Po
zilisten  der  Entente.  Schlicßt  Rustand  in  Euroxa
  einen  Sonderfrirden,  so  geben  England
und  Ameriia  den  Jananern  freie  Hand  gegen
Rußland  in  O#  stasien!  Sa  ist  Rupland  trotz  sei
nes  uniweifelhaften  Kriedenswillen  nicht  imstande,
  den  We  zum  Frieden  zu  sinden.  Darum
  müssen  die  Arbeiter  Deutschlands  und  Oe
sterrei'#.  Frankreichv.  Englands  und  Iialiens
den  russisen  Genossen  iu  Hilse  eilen,  indem  sie
ihre  Regierungen  zum  Friedensschluß  ireiben!

Den  Frieden  will

85

Einstellungen  fraußösischer
Munitiouelieferungen.

Frankreich  hat  laut  dem  „Journal  de  Geneve“
  die  Munitions  elleserungen.  nach  Nußland
eingestellt,  da  dar  Material  infolge  des  Trans
porlwirrwarfte  in  Archungelsl  nicht  ausgeladen
und  an  die  Frem  befördeti  werden  kann.
W--  er  Schluß  der  demokratilchen

  KRonserenz.

Gen  f.  2.  Ollober.  Die  Agentur  Fournier  berichtet
  aus  Pete  *•*v  burg:  Während  seiner  Schlustrede
  vor  dem  demokratisch  en  Kongreß  trat  Kerenski
  an  die  Nampe  und  rief  in  leidenschaftlicher
  Erregung:  „Die  Negierung  erbiielt  soeben
eine  Depesche  aus  Lelfingse  dre.  daß  Armee  und
Flotte  sich  weigern,  sie  zu  unlerftützen,  eine
Zufammenzunft  der  finnischen  Kammer  zu  ver
bindern“  Die  Volichewili  riefen:  „Sie  haben
ganz  Wrcht  r!tirie

Aufg  setzt.  D

Hue  baurische  Bauerngeschichte  von  Herman  Schmid.

Die  Gesellschaft  bestand  aus  drei  Personen,
einem  von  Kopf  bis  zu  Fuß  in  glauen  Sommerstoff
  gelleideten  alleren  Herrn.  der,  als  er  den
Strohhut  lüftelc,  um  sich  den  Scheiß  abzutrod.
nen,  eine  wurdige  hohr=  Slirn  und  ein  ernssles,
aber  wohlwellendes  Antlitz  erbliden  ließ  welches
mit  einem  kurzgeschorenen  Haar,  dem  weißen
Schnurr=  und  Xrebelbar!  einem  allen  Solda
ten  oder  Forstmann  angehören  mochle.  Eine
Artt  leichter  Jagdtasche  hing  ihm  über  die  Schul
tern;  ein  bequemer  Schirm,  der  jugleich  als
Stütze  dienen  lonnte,  war  über  den  Rücken  grkunden.
  Ihm  ganz  ähnlich  in  der  Crscheinung
  wat  der  junge  Mensch,  der  hinter  ihm
heranschrit!,  ossenbar  der  Sohn  und  das  geiteue
  Ebenbild  der  Vatere,  mie  eben  die  Jugend
dem  Alter  zu  gieichen  vermag;  er  war  wie  mit
dem  Storchenschnabel  im  verkleinerten  Maßstabe
nachgezeichnet,  und  es  fehlle  nur  die  Modellierund
  Bossierarbeit  von  einigen  Jahrzehnten,
um  die  Aehnlichkeit  zum  SEpiegelbilde  zu  steigern.
  Im  Anzuge  waren  sie  dagegen  völlig
verschieden.  Der  Jüngling,  der  wohl  zum  ersten
  Male  den  Bergen  und  ihren  Herrlichkeiten
nahe  kam,  war  bereits  vollständig  für  alle  Mühen
  und  Fährlichkeiten  gerüstet,  denen  er  entgege
  genging.  Eine  graue,  grüngesticte  Lodenjoppe
  hing  lose  um  seinen  Leib;  die  Beine  steclien
  in  massiven  schwerbenagelten  Bergschuhen.
der  Kopf  in  einem  niederen  runden  Hütchen

 

Rosenheimer  Anzeiger

Die  „Rote  Garde“'.

Slockholm,  3.  Oltober.  Als  Antwort  auf
den  Aufrus  des  russischen  Kriegeministers,  sämiliche
  bei  Zivilpersonen  besindliche  Waffen  abzuliefern,
  hat  der  Moskauer  Souzjet  beschlossen,
eine  sog  „Note  Garde“  der  Arbeiterschaft  Zu
errichten  und  sie  mit  Waffen  zu  versehen.  In
Kronstadt  hat  sich  ebenfalls  eine  „Rote  Garde“
organisiert.  In  Kiew  zählt  die  „Note  Garde“
bereits  8000  Mann.  In  den  großen  Industriezeniren
  Jwanowo  und  Wosnesseust  haben  sich
6000  Arbeiler  als  „Rote  Garde“  sormiert.

Eine  Revolte  in  Taschkent.

Petersburg.  2.  Oltober.  Nach  einem  Telegramm
  aus  Taschlent  Froklamierte  eine  Grupbe
  poliiischer  Agtatoren  sich  nach  dem  Verlassen
einer  Versammlung  als  revolulionäres  Komiles.
bemächtigte  sich  der  Gewalt  über  die  Stadt,  zog
zwei  in  der  Stadt  liegende  Regimenter  auf  ihre
Seite  und  erllärte,  die  vorläufige  Regierung
nicht  mehr  anzuerkemnen.  Die  muselmanische  Bevölkerung
  billigte  dieses  Vorgehen  nicht.  Sie  ist
bereil,  ihm  Widerstand  entgegenzusetzen  und
mird  dabei  von  den  Schülern  der  Miteelschule
unterstützt,  melche  die  Festung  Taschlent  besetzt
haben.  Alles  dies  macht  den  Ausbruch  blutiger
Unrunen  wahrscheinlich.  Ein  telegraphisch  abgesandtes
  Ultimatum  der  vorläufigen  Regierung,
das  die  Unterwerfung  serderie,  wurde  von  den
NRebellen  zurückgewichsen.  Abends  veröffentlichte
die  vorläufige  Regierung  eine  Erllärung,  in
melcker  sie  mitteilt,  daß  sie  den  Kommandanten
der  Truppen  des  Bezirles  Kasan,  Koromitschenko,
  zum  Generalkommissar  von  Turkestan
ernannt  und  genügend  Truppen  zu  seiner  Versügung
  gestellt  hat,  um  Umnhen  mit  Gewalt
Zu  unterdrücken.

 

Fallen.

Die  Stimmung  in  Italien.

In  den  politischen  Kreisen  Roms  wird  der
errue  und  sait  aussch  ließlich  militärische  Charaller
  hervorgchoben,  mit  dem  der  Gegeinbesuch
König  Viltors  bei  Poincare  zur  Ausführung
gelommen  ist.  Der  augendlickliche  Moment  gilt
in  den  politischen  Kreisen  als  von  auszerordentlicher
  Wichtigkeit.  Von  größter  Bedeuung  sei
die  Levoruchende  neue  Ententekonferenz  in  Paris.
  In  bezug  auf  die  innere  Lage  in  Jtalien
  dränge  jetzt  alles  zur  Entscheidung.

Die  Unruhen  in  Italien.

Zürich,  2.  Oklober.  Nach  Meldungen  von
der  ilalienischen  Grenze  ist  in  Neapel  und  in
der  Campagna  (die  außer  Neapel  die  Pro—
vinzen  Adelind,  Caserta,  Salerno  und  Bene—
vento  umich  liebt)  der  Kriegezustand  erllärt
worden.  In  Turin  sind  am  Freitag  neue  Straseenlämpse
  ausgebrochen.  Der  „Avanti“  fordert
zu  Versammlungen  in  allen  Slädten  des  Landes
  auf,  die  nach  dem  Vorbild  der  jüngst  in  der
Provinz  Reggio  und  Florenz  veranstalteten
Kundgebungen  der  Regierung  klar  den  Willen
des  Volles  aussprechen  sollen.  Man  dürse  nicht
zulassen,  daß  ileine,  in  fremdem  Solde  stehende
Banden  die  Geschicke  des  italienischen  Volles
entscheiden.  Die  Arbeiter  müssen  das  Kriegsende
erzwingen.

Gens,.  2.  Ollober.  Auf  dem  Sogialistenkon
greß  in  Bordeaur  wird  insbesondere  die  Frage
crörtert  werden,  ob  zur  Unterdrückung  sozialistischer
  Bewegungen  ein  Ententestaat  vom  anderen
  Truxpen  entnehmen  dürse.  Danach  scheint
es  sich  zu  bewalrrheiten,  daß  englische  u.  franzosische
  Kontirgente  zur  Niederwerfung  der
Unruhen  in  Jialien  verwendet  wurden.

mit  Edelweißz,  Gemsbart  und  Adlerflaum  der
grobe  grüne  Rudsack,  der  ihn  trotz  seiner

Schlankheit  mächtig  überragende  Bergitock,  mit
dem  er  sich  abschler  pte,  vollendeten  das  Bild
der  Bergsteigers  in  besier  Form.

Ein  Mädchen,  das  wie  in  tiese  Gedanken  verloren,
  in  einiger  Entfernung  folgte,  beschioß
das  Dreiblatl,  wenn  man  nicht  elwa  noch  den
schneeweißen  Spitzhund  von  der  echten,  jent
gieich  den  Steinböden  ausgestorbenen  Art  dazu
rechnen  uill,  der,  von  dem  Gedränge  und  Stimmengewirr
  ausgeregt.  bellend  und  wedelnd  von
dem  einen  der  Reisenden  zu  dem  anderen  srrang.
als  wolle  er  sich  Rat  erholen,  ob  es  nicht  geraten
  sei,  zum  Angriff  überzugehen.

Das  Mädchen  war  nicht  eben  eine  Schönheit
zu  nennen,  aber  in  ihrer  ganzen  Art  und  Weise,
in  ihrer  Haltung,  selbst  im  Gange  gab  sich  eiwas
  (Hewinnendes  und  Einschmeichelnde,  kund,
sodaß  ein  paar  Bäuerinnen,  welche  bei  Seile
traten,  um  sie  hindurch  zu  lassen,  einander  anfliehen
  und  sich  zumurmelten:

„Du.,  das  Dirn'l  schau'  an!  Die  itt  einmal
sauber.“

m7  schon  recht,“  war  die  ebenfalls  geflüslterte
  Antwort.  „Nur  ein  bissel  mehr  Farb'
sollt"  sie  haben;  sie  ist  ja  schier  so  bleich,  —
wenn  sie  leinen  Tropfen  Blut  im  Leib'  häl

Die  schlichten  Bäuerinnen  hetten  ganz  bänn
beol  achtet.  Die  ungewöhnliche  Blässe  war  es,
was  der  ganzen  Erscheinung  Eintrag  tat  und
beim  ersten  Anblick  sogar  befremdete;  sie  lag
über  dem  Mädchen  wie  ein  Schleier,  der  eine

 

Frankreichs  Rriegsergebassse.
Von  Matthias  Saim.

Finis  Galliage!  Halliens  To!  .  sollte
nach  den  Worten  der  Pariser  Chauoinisten,  die
Losung  der  Deutschen  seit  1670  sein.  Sie  verhetzlen
  damit  den  friediich  gesinnten  Teil  des  fran.
zösischen  Volkes,  jene  arbeitsamen  Männer  und
Frauen,  die  ihrer  Familie  Gluck  und  Fortlommen
in  rediicher  Weise  erstrebten,  verhetzten  ihn  mit
dem  fürchter  ichen  Popanz  des  eroberungsgierigen
Germanen,  der  Frankreich  vernichten  und  seinen
Bewohnern  das  Brot  vom  Tische  nehmen  wolle.
An  dem  manger  hasten  Gewinn  des  Ackerbaues
war  nichr  die  unseige  Agrargesebgelung  schuld,
wesche  die  Republil  v#zm  alien  Regime  übernommen
  und  weirer  versch:  echiert  hatie,  sondern  die
Deunschen,  weit  sie  durch  eine  gewissenlose  Ausfuhrlonlurrenz
  die  Preise  der  besten  jandwirtschaftichen
  Produkte  Frankreiche  herunterdrücklen.
  Hande"l  und  Industrie  konnten  in  Frankreich
  nicht  hrdeihen,  weil  der  Deutsche  brutal
mit  Schieuderware  den  Weltmarlt  eroberte,  nicht,
weil  die  französische  Regierung,  wie  sogar  einige
böse  und  unpatriotische  Franzosen  behaupteten,
es  nich!l  veriland  oder  nicht  verstehen  wollte,  jene
Erwerbszmeige  tatlraftig  zu  sördern.  Und  deslarb
  müsse  sich  das  französische  Voll  endlich
wehren  gegen  den  germanischen  Würger,  das
könne  aber  nur  durch  den  Aernichtungskrieg  geschehen,
  der  den  deutschen  Nachbar,  der  Franlkreich
  vernichten  wolle,  selbst  vernichte,  damit
Frankreich  bestehen  könne.  delenda  eit  (Oermania.
  si  vun  vivere  Gallia!  Deutschland  muß
vernichtet  werden,  wenn  Frankreich:  ieben  will!
rief  der  bekannte  Schriftiteller  W.  Montbard  aus.
allmählich  höric  man  diesen  Ruf  in  den  Städten
wie  in  den  kleinten  Dörfern.

Seit  mehr  als  drei  Jahren  hat  Franlreich  seinen
  ersehnten  Vernichiungerrieg  gegen  Deutschland.
  Und  das  Ergebnio!  Der  militärische  Sieg
als  Voraussetzung  der  wirtschaftlichen  Vernichtung
  Deutschlands  iit  bis  lheute  ausgeblieben.
Frankreich  hat  statt  des  erhofften  wirtschaftlichen
  Aufblühens  Schädigungen  zu  verzeichnen,
die  noch  kein  Land  gesehen,  seit  die  Welt  besteht.
Schädigungen  so  groß  und  furchtbar  und  so
trostlos  in  ihren  Folgen.  daß  es  sich  nach  menschlichem
  Eimessen  laum  je  gäurlich  wieder  erh?-len
  kann.

Hat  cs  jemals  in  irgendeinem  Kriege  so  grose
  und  jurchttare  Zerstörungen  gegeben,  wie  in
jenem  breiten  Landitreisen,  der  sich  von  Dpern
lis  nach  den  Vogesen  zieht?  Gewiß  berichtet
die  Geschichte  von  Stäolen,  die  einst  die  Kriegsfurie
  von  Grund  auf  eerstört  hat,  von  Kriegs-HFügen,
  deren  Weg  Rauch  und  Flammen,  zertretene
  Saaten  und  verbrannie  Dörfer  bezeichneten,
aber  die  Zahl,  der  Umfang  und  die  Wirkung
jener  Greuel  waren  bei  weitem  nicht  so  groß,
wie  die  Sputen,  die  der  heutige  Krieg  in  Nordfrankreich
  zurückgelassen  hat  und  noch  täglich
mehrt.  In  leinem  Kriege  der  Vergangenheit  sino
so  viele  blühende  Städte  vernichtet  worden,  wie
seit  Beginn  des  Weltkrieges  in  Norofrankreich,
niemals  sind  so  viele  Tausende  von  Dorsern
Perstör!  worden,  von  denen  viele  nicht  eimnal
mehr  als  ehemalige  menschliche  Wohnstätten  erlenntlich
  sind,  lein  Blatt  der  Geschichte  berichtet
uns  von  einst  lachenden  Fluren,  die  der  Krieg
so  eritampft,  zerrissen,  zerwühlt,  zu  so  hoffnungs
  losem  Unland  gemacht  hat.  wie  wir  das
heute  in  so  vielen.  chedem  fruchtbaren.  blühen
den  Gauen  im  herrlichen  Flandern,  in  der  geseg.
neten  Picardie,  an  Mags  und  Mosel  schauderno
  sellen.  Noch  sind  keine  Berechnungen  des
surchtbaren  Schadens  gemacht  worden,  denn  man
fürchtet  sich  in  Paris,  dem  Volle  das  Resullat
des  gewissenlosen  Rachekrieges  in  seinem  gan-—



noch  nicht  völlig  gehobene  e  Kramheit  oder  ein

noch  unvergessenes  Scelenleid  über  sie  gebreitel
  hatle.  Zu  letteren  Gedanken  stimmten  die
dunklen,  ebenfalls  wie  von  Schwermut  überhauc,
  ten  Augen,  und  auch  die  Kleidung  ließ
einen  Zug  von  Schwärmerei  ertennen.  Unter
dem  breitrandigen,  mit  einem  Kranz  lebender
Feldblumen  geschmückten  Strohhute  siel

eine  damals  ungeheuerliche  Erscheinung  das
reiche  braune  H  ausgelöft  auf  Brust  und
Naden  letunter,  während  das  einfacke  Kleid
in  eigentümsicker  heise  gefallet  und  zum

Zwecke  der  Fußwanderung  ausgeschürzt  war.
Was  an  dem  Bilde  noch  fehlte,  vollendele  die
über  die  Schultern  geworsene  Zeichnungsmappe
mit  Farklasten  und  kleinem  Feldsessel;  wie  der
Bruder  die  Ergebnisse  seiner  Bergwanderungen
in  der  giftgrünen  Botanisierbüchse,  die  er  sich
umgehängt  haite,  zu  sammeln  gedachte,  sam
die  künitleriscke  Schwester  darauf.  ihre  Zeichnungs
  und  Malstudien  wohlbehalten  mit  in  die
Heimat  zurückzubringen.

Aus  der  allgemeinen  Bewegung  der  Menge
hatte  der  Wirt  entnommen,  daß  irgend  besondere
  Gäste  eingetroffen  sein  mußten;  er  trat
daler  den  Anlömmlingen  schon  auf  der  Schwelle
des  Hauses  entgegen  ein  echtes  Bild  altrpatraschhalischeer
  Gastlichkeit,  in  Humdäme
die  blendendweiße  Brustschürze  über  der  e
Weste,  die  grünsammtene  Schlegelhaube  zum
Gruße  mit  einer  Miene  schwenkend,  welche  keinen
  Zweisel  darüber  ließ,  daß  der  Gast  auch
wirllich  ein  willkommener  war;  eine  Art  von

 

Donnerstag,  4.  Oktober  1912

zen  Umfsange  einzugestehen,  aber  soviel  steht
heute  schon  fesl,  daß  noch  nie  ein  Land  soviel  in
einem  Kriege  verloren  hat,  wie  Frankreich  jetzt.

Frankreiche  Vollsverführer  wiesen  jahrzehnt
lang  auf  die  drohende  deutsche  Inva#sion  5
die  man  mit  Hilfe  einer  starten  Armee  und  mächliger
  Bundeögenossen  bei  günstiger  Gelegenheit
durch  einen  Angri#fskrieg  verhindern  müsse.  Die
gankige  Gelegenheit  schien  ihnen  im  Sommer
1915  gelommen  zu  sein.  Aber  die  Deutschen,
die  man  in  ihrem  eigenen  Lande  zu  vernichten
trachleie,  Dhaben  den  ihnen  so  zugedachten
Krieg  traftvoll  nach  Frantreich  hineingetragen.
Der  Siegeszug,  auf  dem  eine  sanatisierte  Sol.
datesla  und  die  afrilanischen  Horden  nach  aufgesundenen
  Briefsen  die  deutschen  Gauc  racheund
  beutegierig  veih###eren  wolilen,  ist  nicht  ge
glückt,  Franlreich  ill  der  Schauplatz  diesos  Weltenringeno
  geworden.  Und  nicht  nur  die  verhas,ten
  Deutschen  sind  nach  Franlreich  gelommen.
sondern  auch  die  werten  Vundesgenosfen.  Engländs
  Kriegsscharen  verwüsten  und  vernichlen
Flanderns  Dörfer  und  Städte  in  der  Kamrszone.
Machen  lich  binter  ihrer  Front  zu  Herren  des
andcs,  sangen  es  aus,  betrachten  bereits  Frank
reichs  kostbarste  Häsen  als  ihr  Eigentum.  Be
liche  Klagen  der  französischen  Einwohner  2.
Landstriche  und  Städte  sind  wirkungslos,  begegnen
  Hohnlachen.  Nach  England  soll  nun  auch
Nordamerila  seine  Invasion  be  ginnen.  Auch  das
nordamerikanische  Hcer  mit  seinem  Troß  wird
sich  irgendwo  niederlassen,  die  Framosen  wer
den  nicht  nur  in  der  Front  vor  den  Freunden
usammemücken.  wieviel  wird  ihnen  vom
cigenen  Lande  übrig  lleiben,  und  wie  weit  werden
sie  dann  noch  dort  Herr  im  Lande  sein?  Auch
die  Schwarzen  und  Vraunen  und  Gelben  aus
dem  weiten  Erdenrund  haben  Frankreich  überflutet.
  Hunderttausende  von  ihnen  sind  gekommen
und  sie  lernen  soviel  in  diesem  Kriege.  sie  kennen
Frantreich  heute  bereits  so  gut,  un  sie  aus
Sllaven  schon  vielfach  Herren  geworden  si.m.

Zerlôrte  Dörser  und  Städte  und  verheerte
Fluren.  die  Invasion  des  ei.ides  und  noch  weit
schlimmer  der  Krcunde.  s  sind  einige  der
roseen,  yente  schon  fenkundigen  Ergebnsse  des
Krieges  fur  Frankreich.  Ein  weiteren  i#n  der  un-Lgeheucre
  Verlurt  an  Menschenleben,  die  Frankreich
  heute  sch  #n  sehlen  und  #n  Zukunft  noch  mehr
sehlen  merden.  Schon  im  ernen  Kriegslahre  gin
gen  die  Nachrichten  vom  Tode  des  „Fils  unique“,
des  ein-igen  Sohner,  klagend  durche  Land,  heute
sind  diese  Todesmeldungen  so  zahlreich,  daß  die
Grösie  der  Verluste  die  Klagen  betäubend  verstummen
  läft.  Wenn  vor  dem  Kriege  warnend
der  Ruin  des  Volles  infolge  der  Geburtsab#
nme  Frophe##eit  worden  ill,  so  hat  der  Krieg
diesen  Ruin  durch  die  furchtlaren  Blutopfer  gebracht.
  Rene  Ba:in  sa  rieb  var  Jal,ren  ein  Buch
„La  terre  qui  meurt“  „Das  sterbende  flache
Land“,  in  dem  er  warnend  auf  die  Abnahme
der  Landbevöllerung  hinwies,  er  lönnte  jeßt
warnend  für  die  Kriegeletzer  in  Paris  ein  Buch

Vom  stebenden  Frankreich“,  „La  France  qui
meurt“,  schreiben

Die  Wiederzewinnung  Elsap-Lothringens  und

des  linken  Nheinusers  war  und  ist  das  größte
und  böchste  fran  ösische  Kriegeziel,  Dd  dies  (e.
Fiete  sollten  Frankreich  wirtschaftlich  sichern  und
heben,  eine  gewaltige  Steigerung  der  militärischen
  Macht  bringen,  man  sehnte  sich  danach,
nannte  es  das  Land  der  Verheihung,  „la  terre
promise“.  Anstatt  dieses  grlob.#en  Lande#  habe.
die  Franosen  20  000  Geviertllometer  ihres
besten  Landes  verloren  und  als  noch  schlimmeren
Verlust  die  weite  Wüstenei  der  Kamxf:tone  zu
ver  eichnen.
Finis  Gallige?  Wird  dieser  Krieg  das  Ende
Galliens  sein?  Fakt  lönnte  es  so  scheinen.  Was

2

wie  sie  inzwischen  auch  ge  estorben  it.r

gleich  ben  Steinbocken  und  den  Sxihzen.
„Wünsche  wohlauf  zu  leben,“  sagie  er  und

bot  dem  alten  Herrn  die  Hand,  in  welche  cieser

Wirt,

sosor,  eili#li#ngq  „Das  ist  schön  von  Ihnen,
das.  Zi:#  auch  einmal  heimsuchen.  Grüh
„(G.  u  5  „  Binwieder!“  erwiderte  dieser,

  

*n  .  Lenn  wir  willkommen  sind.  Ich
sten  ibe  der  großen  Menschenmenge,
die  *  usammelt  ist,  würde  für  uns  kein
Plätza  en  mehr  vorhanden  sein;  ich  sehe  auch,
in  den  kriden  Zechstuben  summt  es  wie  in  einem
  #ä#wämenden  Bienenstock.“

„Kein  Plat  übrig  und  kein  Bissen  vorhau
den?“  rief  der  Wirt.  „Das  könnt'  mich  freuen:
das  gibl's  nicht  beim  Wirt  in  Flintsbach.  Die
Bauern  sind  einmal  so  die  sind  immer  am
liel  sten  dalei,  wenn  sie  in  den  Sluben  und  recht
dick  auf  einander  sitzen  lönnen;  sie  lind  sich
lhalt  unter  der  ganzen  Woch'  genug  in  der
freien  Luft,  aber  hinter'm  Haus  ist  der  Obstgarten;
  da  ist  Patz  genung,  da  ist's  schattig  und
kühl  und  eine  Aussicht  wie  von  einem  Kirchlurm.
  Da  wird's  Ihnen  gewiß  gesallen  —  so
ut,  das  Sie  gar  nimmer  fort  Mmögen."

„Das  Bleiben  wird  nicht  angeh'n.“  sagte  de#-alle
  Herr,  indem  er  mit  Sohn  und  Tochter  durch
die  breite  Hausflur  dem  Garten  zuschritt;  „wir
wollen  Fzute  noch  Audorf  errt  sähe  und  wek  den
uns  zerig  wieder  auf  den  Weg  machen  mössen,
  wenn  wir  uns  ein  wenig  erfrischt  und  ausgeruht
  haben  werden.“

(Fortsetzung  folgt)