Die Entstehung des Dreibundes. Rückversicherungsvertrag mit Rußland. 655
dauerte auch fort, als Gortschakoff, der alte Rival Bismarcks, 1882 aus dem
Amte geschieden war.
Eine Ergänzung erhielt das deutsch-österreichische Bündnis durch den Beitritt
von Italien, das seit der Eroberung von Tunis durch die Franzosen (1881),
die seine Mittelmeerinteressen durchkreuzte, darauf verzichtete, die Irredentisten
in Triest und Südtirol weiterhin gegen Osterreich zu unterstützen und sich 1882
mit Deutschland und Österreich zu einem Dreibund zusammenschloß, wobei es
Bismarck hauptsächlich auf die Sicherung Osterreichs im Fall eines Krieges mit
Rußland ankam. Aber auch der Dreibund verfolgte nur das Ziel der Aufrechterhaltung
des Friedens. Als im Jahre 1884 England, mit Frankreich wegen
der Okkupation von Agypten, mit Rußland wegen der Rivalität in Afghanistan
gespannt, sich Italien näherte, ergriff Bismarck die Gelegenheit, milt dem russischen
Kaiser Alegander III., der ebenfalls den Frieden erhalten wollte, in ein
besseres Verhältnis zu gelangen und das alte Einverständnis der drei Kaisermächte
wiederherzustellen. Im September 1884 kam es wieder zu einer Zusammenkunft
der drei Kaiser in Skierniewice bei Warschau, und zugleich wurde,
wie es scheint, ein geheimer Vertrag zwischen Deutschland und Rußland abgeschlossen,
in dem beide Mächte sich gegenseitig eine wohlwollende Neutralität
versprachen für den Fall, daß eine von ihnen angegriffen würde. Es ist der
sogenannte Rückversicherungsvertrag, der Deutschland ebenso vor einer Abhängigkeit
von Osterreich wie von Rußland bewahren sollte; Bismarck bante
damit für Deutschland gleichsam eine Zwickmühle, die er nach Bedürfnis aufund
zuziehen konnte, um zugleich die vorwaltende Stellung Deutschlands unter
den Mächten und die Erhaltung des europäischen Friedens zu sichern.
Diese politische Lage schuf auch die Möglichkeit, von den Kolonialmächten,
England und Frankreich, die jetzt isoliert waren, die Zustimmung zu einer
völkerrechtlichen Regelung der afrikanischen Angelegenheiten zu erlangen, die
auf der Berliner Kongokonferenz von 1884 zustande gebracht wurde und auch
für Deutschland die Bahn freimachte für koloniale Erwerbungen.
Mit dem Zusammenschluß des Reiches hatte der früher vorwiegend binnenländische
Gesichtskreis der deutschen Politik sich erweitert, und der aus den
wachsenden industriellen Interessen entspringende Drang nach überseeischer Ausdehnung
fand bei der Reichsregierung ebenso einsichtige wie maßvolle Förderung.
Von einer Kolonialpolitik konnte natürlich nur in bescheidenem Umfange
die Rede sein. Die überseeische Welt war ja im großen und ganzen verteilt;
eigentliche Siedelungskolonien für den auswandernden Überschuß der deutschen
Bevölkerung standen nicht mehr zur Verfügung. 1884 wurden die Besitzungen
in Südwestafrika, in Kamerun und Togo, 1885 die in Ostafrika
erworben und unter die Schutzherrschaft des Reiches gestellt. Neben unternehmenden
Kaufleuten waren es wagemutige Forschungsreisende, die, halb
Gelehrte, halb abenteuernde Politiker, erfüllt von Tatendrang und nationalem
Schwung, als Pioniere des deutschen Wesens in der Welt die Bahn gebrochen
haben. Bismarck wollte im wesentlichen nur dem Handel folgen und die überseeischen
Wirtschaftsinteressen unter den staatlichen Schutz stellen. Dazu gehörte
natürlich auch der Bau einer deutschen Kriegsflotte — eine Aufgabe,
die freilich damals noch nicht nach wirklich großem Maßstabe in Angriff genommen
worden ist. Immerhin aber wurden nicht unbedeutende Anfänge