Full text: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

Jusqu'à la mer. 471 
die er den europäischen Mächten zu danken habe, gab der Haager Hof 
die hochtrabende Antwort: die Souveränität des Königs dankt er, nächst 
der Vorsehung, dem Blute und dem Ruhme seiner Vorfahren, der Wahl 
und dem Vertrauen eines freien Volkes. Holland ist zur Noth bereit, 
die Waal als Rheinmündung gelten zu lassen; aber die Waal endet bei 
Gorkum — neunzehn Stunden vom Meere entfernt! „Die Meeresarme, 
welche den Zwischenraum zwischen dieser Mündung und dem Meere aus- 
füllen, können in keiner Beziehung mit dem genannten Flusse gleichgestellt 
werden.““) Schon der Wortlaut dieser Sophisterei stellte es außer Zweifel, 
daß Holland nicht in gutem Glauben handelte. Bald nachher, wie zur 
Abwechslung, versicherten die Niederlande, nur der Leck sei als die Fort- 
setzung des Rheines anzusehen; und im Jahre 1827 erklärten sie sich gar 
bereit, auf ihre „Seerechte“ zu verzichten, wenn ihnen ein gollfreier 
Handelsweg von Lüttich nach Aachen eröffnet würde. 
Ganz Deutschland stimmte ein, als George Canning den Holländern 
urief: 
| In matters of commerce the fault of the Dutch 
Is giving too little and asking too much. 
Nach der niederländischen Auslegung war nicht der Rhein frei für die 
deutschen und die anderen Uferstaaten, sondern der deutsche Rhein war frei 
für Holländer, Franzosen und Schweizer. Der Tuilerienhof unterstützte 
den holländischen Vertragsbruch aus freundnachbarlicher Berechnung; man 
hoffte in Paris: wenn der Rhein veröde, so werde der Verkehr zwischen 
Oberdeutschland und der See sich durch Frankreichs schöne Kanäle nach 
Havre ziehen. Der vereinte Widerstand der beiden bösen Nachbarn schien 
lange unüberwindlich. Viele Städte des Rheingebietes begannen schon ihre 
Colonialwaaren über Bremen oder Hamburg zu beziehen; die deutsche 
Presse besprach in vollem Ernste den ungeheuerlichen Plan, Lippe und 
Ems durch einen Kanal zu verbinden und also über Emden die hollän- 
dischen Zollstellen zu umgehen. 
Da trat Preußen für Deutschlands Rechte ein. Der Berliner Hof 
erkannte sogleich, daß der holländischen Bosheit nur durch fühlbare Re- 
torsionen beizukommen sei. Er forderte die vollständige Befreiung des 
Leck und der Waal bis in die See und erklärte: der Kölner Rheinstapel 
wird so lange fortbestehen bis Holland seine Verpflichtungen erfüllt hat; 
Preußen ist jederzeit bereit, dies Umschlagsrecht, den Wiener Verträgen 
gemäß, aufzuheben, hält es aber vorläufig fest als das einzig mögliche 
Unterhandlungsmittel gegen Holland. Diese Erklärung wurde in zahlreichen 
diplomatischen Aktenstücken, auch in den amtlichen Artikeln der Staats- 
zeitung bündig wiederholt. Der König ist fest entschlossen, sagte Witzleben 
dem badischen Gesandten, in dieser Sache keinen Schritt breit nachzu- 
  
*) Denkschrift des niederländ. Min. d. A. A., 12. April 1826.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.