Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Vierter Teil. Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. (27)

450  IV.  7.  Das  Junge  Deutschland.

schaft.  Erstaunlich,  wie  dem  Niedersachsen  hier  aus  dem  heimatlichen
Boden  frische  Kraft  zuströmte.  Wieviel  lebendiger  war  hier  alles  als  in
seinen  romantischen  Mantel-  und  Degenstücken,  wieviel  zuversichtlicher  als
in  den  Epigonen  sprach  er  jetzt  über  seine  „große,  der  Wunder  volle  Zeit“.

Brentanos  Erzählung  vom  schönen  Annerl  war  einst  fast  unbemerkt
vorübergegangen;  der  Münchhausen  kam  zur  rechten  Stunde  (1838),  gerade
als  die  Nation,  müde  der  romantischen  Experimente  und  der  jungdeutschen
Tendenzen,  nach  Gestalten  von  Fleisch  und  Blut  verlangte.  Er  wurde  das
Vorbild  für  die  neue  Literatur  der  Dorfgeschichten,  die  leider,  ganz  wider
des  Meisters  Absicht,  bald  den  Anspruch  erhob,  für  eine  selbständige  Kunstgattung
  zu  gelten.  Die  literarischen  Ausfälle  des  lügenseligen  Barons
verstand  man  nach  wenigen  Jahren  schon  nicht  mehr  vollständig,  und  da
die  ungeheuere  Mehrzahl  der  Leser  immer  nur  die  Teile,  niemals  das
Ganze  eines  Kunstwerks  sieht,  so  durfte  die  Betriebsamkeit  des  Buchhandels
ungescheut,  sogar  unter  dem  Beifall  banausischer  Kritiker,  sich  an  der  Dichtung
  versündigen.  Der  satirische  Teil  des  Romans,  der  dem  Ganzen  Sinn
und  Namen  gab,  wurde  einfach  herausgeworfen,  und  die  Idylle  vom  Oberhofe,
  wohl  ausgeflickt  durch  einzelne  Lappen  des  anderen  Teiles,  allein
dem  Büchermarkte  dargeboten.  In  dieser  verstümmelten  Gestalt  ward  der
Münchhausen  ein  dauerndes  Besitztum  der  Nation.  Die  Geschichte  aber,
die  auch  im  Künstler  den  Helden  ehrt,  hält  das  Bild  des  ganzen  Mannes
fest,  so  wie  er  war,  nicht  verschwenderisch  begabt,  oftmals  irrend,  doch
rastlos  wuchernd  mit  seinem  Pfunde  und  immer  den  höchsten  Zielen  zugewendet.
  Ihm  bleibt  der  Ruhm,  daß  er  in  seinen  beiden  Romanen  seinem
Zeitalter  den  Spiegel  vorhielt,  wie  vordem  Goethe  im  Wilhelm  Meister
und  nachher  Freytag  im  Soll  und  Haben.  Nur  wer  diese  Zeitromane  kennt,
versteht  den  inneren  Zusammenhang  der  drei  Epochen  unserer  neuesten
Geschichte.

Durch  die  Liebesgeschichte  des  Oberhofs  klang  ein  zarter,  inniger  Ton,
der  Immermanns  früheren  Werken  abging;  denn  während  seine  Künstlerkraft
  sich  läuterte,  ward  er  auch  im  Leben  freier  und  glücklicher.  Jahrelang
  hatte  er  mit  einer  älteren  Frau,  der  Gräfin  Ahlefeldt,  oft  beglückt,
öfter  gepeinigt,  eines  jener  unklaren  Liebesverhältnisse  unterhalten,  welche
in  den  Kreisen  der  romantischen  Dichter  als  Kennzeichen  des  Genies  galten.
Da  ergriff  ihn  übermächtig  die  Neigung  für  ein  einfaches  Mädchen.

Gestorben  war  das  Herz  und  lag  im  Grabe,
Dein  Zauber  weckt  es  wieder  auf  der  holde  —

so  rief  er  der  Geliebten  zu  und  schrieb  in  der  Glückseligkeit  seiner  jungen
Ehe  Tristan  und  Isolde,  ein  Gedicht  voll  starker  Leidenschaft  und  schöner
sinnlicher  Wärme,  dem  nur  der  süße  Wohllaut  fehlte.  Aber  er  so  wenig
wie  einst  Meister  Gottfried  von  Straßburg  sollte  dies  hohe  Lied  der  Liebe
vollenden.  In  der  Blüte  der  Jahre,  mitten  im  fröhlichen  Schaffen  ward