Volltext : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Fünfter Teil. Bis zur März-Revolution. (28)

Der  Meerengenvertrag.  117

Dergestalt  nahm  dieser  große  diplomatische  Kampf,  der  langwie—
rigste,  welchen  Europa  seit  dem  belgischen  Streite  erlebt  hatte,  ein  armseli—
ges  Ende.  Im  Grunde  konnte  sich  nur  der  Sultan  des  Ausgangs  freuen.
Er  war  durch  die  vier  Mächte  vor  den  Folgen  einer  schmählichen  Nieder—
lage  bewahrt  worden  und  durfte  nunmehr  hoffen,  unbelästigt  durch  einen
tatkräftigen  Hausmeier  sein  nichtiges  Schlummerleben  noch  eine  gute
Weile  fortzuführen.  Selbst  die  Erbherrschaft  des  Rebellen  am  Nil  ließ
sich  zur  Not  ertragen.  Den  Osmanen  galt  sie  keineswegs  für  eine  un—
abänderliche  Tatsache,  weil  Mehemed  Alis  Geschlecht  nicht  heilig  war
und  der  Orient  ein  gesichertes  Thronfolgerecht  kaum  kennt.  Die  Fäulnis
  des  Reiches  der  Sultane  hatte  sich  freilich  so  grell  offenbart,  daß
sogar  H.  v.  Moltke,  der  den  Türken  so  viel  edle  Kraft  geopfert  hatte,  jetzt
in  der  Allgemeinen  Zeitung  rundweg  aussprach,  ein  christlich-byzantinisches
Reich  müsse  dereinst  die  Erbschaft  am  Bosporus  antreten.  Vorläufig  jedoch
  stand  der  Halbmond  auf  der  Kuppel  der  Hagia  Sophia  wieder  fest,
und  bei  der  Eifersucht  der  Franken  blieb  es  sehr  zweifelhaft,  wann  jemals
das  Kreuz  wieder  über  dem  Christendome  Justinians  glänzen  würde.  Noch
mehr,  die  Türkei  war  jetzt  zum  ersten  Male  in  eine  europäische  Konferenz
als  vertragschließende  Macht  eingetreten  und  hatte  also,  vornehmlich
durch  Englands  Schuld,  in  der  Völkergesellschaft  des  Abendlandes  eine
Stellung  erlangt,  welche  ihr  in  keiner  Weise  gebührte;  denn  das  europäische
  Völkerrecht  beruht  auf  der  christlichen  Idee  der  Verbrüderung  der
Nationen,  der  Koran  hingegen  kennt  nur  zwei  Reiche  auf  Erden,  das
Reich  des  Islams  und  das  Reich  des  Krieges,  mithin  darf  ein  mohammedanischer
  Staat  die  Grundgedanken  völkerrechtlicher  Gleichheit  und
Gegenseitigkeit  nicht  ehrlich  anerkennen.  Die  vielverheißene  Gleichberechtigung
  der  Rajahvölker  mußte  ein  leeres  Wort  bleiben,  weil  die  Herrschaft
  der  Gläubigen  über  die  Ungläubigen  eben  das  Wesen  dieser  unwandelbaren
  theokratischen  Verfassung  ausmachte;  noch  immer  diente  kein
einziger  Christ  im  türkischen  Heer,  das  ja  ausdrücklich  zur  Knebelung  der
Christen  bestimmt  war.  Die  Aufnahme  eines  solchen  Staates  in  die
Rechtsgemeinschaft  der  christlichen  Völker  war  eine  häßliche  Unwahrheit;
sie  wurde  jedoch  von  der  aufgeklärten  liberalen  Welt,  die  sich  der  christlichen
Grundlagen  unserer  Kultur  nur  ungern  erinnerte,  als  ein  erfreulicher  Fortschritt
  der  Gesittung  gepriesen;  praktisch  schien  sie  darum  erträglich,  weil
die  Pforte  im  Gefühle  ihrer  Schwäche  sich  bald  von  einer,  bald  von  mehreren
  der  christlichen  Mächte  leiten  ließ.

Wie  man  in  Petersburg  die  Londoner  Verträge  ansah,  das  hat  Nesselrode
  1850  ausgesprochen  in  einem  Rechenschaftsberichte  über  die  auswärtige
Politik  des  letzten  Vierteljahrhunderts,  den  er  dem  Zaren  zum  Regierungsjubelfeste
  überreichte.  Da  schilderte  er  —  aufrichtig  wie  er  unter  vier
Augen  sprechen  durfte,  und  mit  einer  fast  mongolischen  Ruhmredigkeit:
—  erst  die  Juli-Revolution  habe  der  Regierung  des  Kaisers  „den  wahren