540 Sächsisch-polnische Frage. — Vorpommern.
zu gewinnen doch das weitgesteckte Ziel habsburgischer Staatsweisheit war? Endlich
aber, wenn Rußland die Hrenßischen Ansprüche auf Sachsen lebhaft beförderte, so
geschah dies, weil das Königreich den Ersatz für die von Rußland geforderten
ehemals preußischen Teile des Polenreiches bildete. Des Zaren Wacht an der
Weichsel aber erschreckte in Wien ebenso wie der russische Adler an der unteren
Donanu. Aus demselben Grunde, aus welchem Metternich den Divan mit seiner
Gunst beehrte, trat er auch den preußischen Ansprüchen auf Sachsen entgegen.
Denn dadurch schwächte er die Macht Rußlands, und dies Ziel verfolgte er mit
der ausdauerndsten Beharrlichkeit. Auch glaubte er hoffen zu dürfen, daß, wenn
er Friedrich Wilhelm die Entschädigung für Polen entziehe, dieser auch die Arbeit
für Alexanders Wünsche ruhen lassen werde. Meinte er doch auf diese Weise
die preußisch-russische Freundschaft trennen zu können, meinte es umsomehr, als
diese hauptsächlich auf der Gesinnung beider Monarchen beruhte, während sowohl
die preußischen wie auch die russischen Staatsmänner Alexanders polnischen Plänen
— natürlich aus verschiedenen Gründen — entgegentraten.
Und welcher Gewinn wäre es gewesen, Preußen unter angenehmen Bedingungen
an das österreichische Staatsschifflein anzuketten! Rußland wäre völlig vereinzelt,
Deutschland verloren gewesen. Denn längst schon kämpfte Metternich Schulter an
Schulter mit den englischen Ministern, vornehmlich Lord Castlereagh, der eine
russische Vergrößerung nicht zugeben konnte, wohl aber aus welfischen Interessen
eine möglichste Schwächung Preußens durchsetzen wollte. Er hat es denn auch
unter den eigentümlichsten Umständen erlangt, daß Preußen Ostfriesland und den
erhofften „Isthmus“ nach den westlichen Ländern Hildesheim, Minden, Lingen
an Hannover abtreten mußte. Denn unter allen Umständen mußte nun wenigstens
eine Sünde des westfälischen Friedens gesühnt werden, mußte endlich die pommersche
Frage gelöst, die reich entwickelte Küste Vorpommerns und Rügens für Deutschland
zurückgewonnen werden. Die Entziehung des in jüngster Zeit dänisch gewordenen
Landes aus nichtdeutscher Hand, die unbeschränkte Beherrschung der
Odermündungen und der endliche Abschluß des zweihundertjährigen Kampfes um
Pommern schienen schließlich für Preußen noch notwendiger, als die Behauptung
des treuen ostfriesischen Landes mit der Emsmündung. Kam es doch wenigstens
in deutsche Hände, und unter geringeren Opfern gab das Welfenhaus nicht das
kleine Herzogtum Lauenburg heraus, durch dessen Hingabe an Dänemark Vorpommern
allein in Kopenhagen zu erlangen war. Mit schwerem Herzen hat
Friedrich Wilhelm seine Ostfriesen dahingegeben, und diese haben es lange nicht
glauben mögen, daß sic an den Schwanz des gehaßten weißen Rosses gebunden
werden sollten. Schwer genug war der Kampf, ehe die Welfen sich zur Aufgabe
auch nur Lauenburgs entschlossen. Schlimmer aber war noch, daß infolge der
engen Verbindung zwischen England und Holland nun vom Haag bis nach Lüneburg,
vom Kanal bis zur Elbe der eine welfische Wille gebot, der nie und nimmer
den Hohenzollern gewogen war. Gleich jetzt zeigten die Welfen ihr Antlitz ohne
Maske. Denn nachdem sie ihre Lande so glücklich auf preußische Kosten vermehrt
und den schwarzen Adler vom Ufer der Nordsee abgedrängt hatten, wie hätten sie
den unbequemen Nachbarn etwa durch Sachsen vergrößert sehen mögen! Durch
Sachsen, das unter preußischem Regiment entfernt nicht dem englischen Handel
biejenigen Vorteile sicherte, die das bequeme System der Durchstechereien in Leipzig,
dem Hauptstapelplatz des englischen Handels in Deutschland, bisher gewährt hatte!