Friedrich Wilhelms Pläne. 9
Konstitution; denn obwohl er allen politischen Theorien seine Verachtung
auszusprechen liebte, so war er doch selbst ganz durchdrungen von einer
unwandelbaren politischen Doktrin. Jener künstliche Gegensatz des revolutionären
Repräsentativsystems und des legitimen Ständewesens, welchen
Gentz einst in der Karlsbader Denkschrift vom Jahre 1819 geschildert
hatte, erschien ihm als eine unumstößliche Wahrheit; wie die alte Naturrechtslehre
an ein abstraktes, über allen positiven Gesetzen erhabenes Vernunftrecht
glaubte, so er an ein historisches Recht der Stände, das ohne
Zutun der Staatsgewalt entstanden, auch von ihr nur anerkannt, nicht
aufgehoben werden könne. Die Wahrheit, daß der rechtsbildende Gemeingeist
der modernen Völker sich am stärksten in ihren Staatsgesetzen betätigt, verachtete
er als eine Verirrung der hegelianischen Staatsvergötterer; von
dieser „Staatsallmacht“ sollte seine christliche Monarchie sich allezeit fern
halten. Hallers Staatslehre feierte jetzt, da ihr Urheber schon das siebzigste
Jahr überschritten hatte, ihren höchsten Triumph, nur daß diesederbprosaische
Machttheorie sich in der Seele Friedrich Wilhelms zu einem reichgeschmückten
künstlerischen Bilde ausgestaltete: die Idee der Staatseinheit galt ihm
gar nichts, genug wenn alle Stände und alle Landschaften seines weiten
Reichs sich frei und farbenprächtig in ihrer historischen Eigenart entfalteten,
auch die Wenden, auch die Litauer, die Kassuben, die Masuren sich ungestört
ihrer volkstümlichen Sprache und Sitte erfreuten.
Alle Härten des alten Systems dachte er zu mildern; also Verzeihung
für die Demagogen, auch für die Polen, die er als widerrechtlich Unterdrückte
bemitleidete; Freiheit für die Presse, und vornehmlich für die Kirche.
Den Groll der Katholiken über den Kölnischen Bischofsstreit hoffte er durch
hochherzige Zugeständnisse zu versöhmnen. Die evangelische Landeskirche
aber und die oberstbischöfliche Gewalt des Königtums betrachtete er kaum
als zu Recht bestehend: wenn der Protestantismus nur erst alle ungläubigen
Elemente ausgestoßen hätte, dann sollten sich die Gemeinden der
Gläubigen aus eigener Kraft, ungestört von der Staatsgewalt, ihre Kirche
neu erbauen, und also die unsichtbare Kirche sichtbar werden. Auch die
knappe Sparsamkeit des alten Regiments betrachtete er längst mit Unwillen:
um eine prächtige, geschmackvolle, des hohenzollerschen Namens
würdige Hofhaltung hoffte er alles zu versammeln, was Deutschlands
Kunst und Wissenschaft an großen Namen besaß. Schon als Kronprinz
hatte er den Ausbau der Marienburg und des Kölner Doms gefördert,
zu Castel auf der Felsplatte hoch über der Saar die Gruftkirche seiner
lützelburgischen Ahnen, auf Stolzenfels das Rheinschloß der trierischen
Kurfürsten stattlich hergestellt, auf Stahleck die Pfalzgrafenburg der
Altvordern seiner Gemahlin wieder zugänglich gemacht; jetzt sollten überall
die halb zertrümmerten Bauten der deutschen Vorfahren prächtig auferstehen
und zugleich den schöpferischen Talenten des jungen Künstlergeschlechts
eine Fülle neuer Aufgaben gestellt werden. Jeder frischen Kraft