86 Sechstes Kapitel.
Königin, die ihnen allen so teuer gewesen. Dann gab der König der
greisen Freundin zum Andenken einen kostbaren Shawl, den einst die
Königin getragen, und den er dann in treuem Gedenken stets in seinem
Simmer bei sich behalten hatte. Und nach dem Abbschiede sandte er ihr
200 Friedrichsdors.
Am folgenden Tage besuchte der König mit dem Hrinzen Valengin
und Chaux de Fonds. Die Einwohner, durch ihre Uhrenfabrikation berühmt,
überreichten mehrere kunstvolle Uhren. Orinz Wilhelm erhielt
eine kostbare, goldene Repetier-Uhr, die er sehr in Ehren hielt: bis an
sein Lebensende hatte sie an seinem Bette ihren Hlatz.
Alle diese freundlichen Eindrücke bestimmten den König, noch etwas
länger in der Schweiz zu verweilen, um den jungen Hrinzen Wilhelm
noch einen Blick in die Wunderwelt der Hochalpen thun zu lassen. Ein
Ausflug in das Berner Oberland — wohl das schönste Alpengebiet —
wurde beschlossen. Herr von Hourtales, bei dem der König während der
Reuenburger Tage gewohnt hatte, jetzt in den Grafenstand erhoben,
machte den bergkundigen Führer. So ging denn die Fahrt zuerst nach
Grindelwald, wo in dem Pfarrhause übernachtet wurde. Dann aber
wurde der Bergstock in die Hand genommen und nun nach Lauterbrunnen
gewandert, wo duftig zart der Staubbachfall von himmelhohen Felsen
herunterweht. In Interlaken sahen die erlauchten Wanderer die weiß
schimmernde Spitze der Jungfrau — ein unvergeßliches Bild — hoch
am blauen Rimmel vor sich aufragen. Das Eisthor des Grindelwald-Gletschers
wurde besucht und dann an der Aare aufwärts ins GOberhasli-Thal
binaufgestiegen.
Was für Eindrücke, großartig und anmutig zugleich, nahm Orinz
Wilhelm von hier mit sich, als gegen Ende des Zuli die Beimreise
angetreten wurde! Denn zum 5. August, seinem Geburtstage, wüncschte
der König bei den Seinen in Hotsdam einzutreffen. Keine Stadt, in
welcher der König auf der Reise weilte, wollte es sich nehmen lassen,
dem Fürsten, der am meisten dazu beigetragen hatte, Deutschland aus der
französischen Gewaltherrschaft zu erlösen, in feierlichen Empfangsfestlichkeiten
ihre ZKuldigung darzubringen. Mit leisem Unmut — denn jede
Demonstration war ihm unbehaglich — ließ er alles über sich ergehen.
Den nichtpreußischen Städten wollte er immerhin noch einige Berechtigung
zugestehen. „Gottlob,“ sagte er daher, als der Reisewagen aus dem Thor
Magdeburgs hinausfuhr, „Gottlob, nun haben wir es endlich überstanden!“
Als man ihn aber auch in Burg, der ersten preußischen Stadt, mit lärmenden
Freudenbezeigungen empfing, wollte er keinen Grund mehr gelten