278 Viertes Buch. Die Zeit der Epigonen.
formen zum größten Teil preis, reinigte die in Geltung blei—
benden von Härten und Gewaltthätigkeiten und gewann die
öffentliche Meinung durch eine Reihe von Zugeständnissen, die
den ihm von Toskana her vorangehenden Ruf eines aufgeklärten
und volksfreundlichen Fürsten bestätigten, wahrte sich aber klug
eine Stellung, von der aus zu günstigeren Zeiten das augenblicklich
Preisgegebene leicht zurückgenommen werden konnte.
Belgien und Ungarn freilich erstrebten offen die Unabhängigkeit,
und Preußen schien nach wie vor bereit, ihnen dabei zu
helfen. Deshalb hielt Kaunitz den Krieg für geboten. Leopold
aber ging seinen eigenen Weg. Am 26. März richtete
er an Friedrich Wilhelm ein Schreiben, dessen ritterlich freimütiger
und gewinnend ehrlicher Ton klug auf dessen Eigenart
berechnet war. Er wünsche, so führte er aus, Frieden mit
aller Welt; auch mit der Türkei werde er leicht herzustellen
sein, wenn Preußen und Polen sie ohne Hilfe ließen, da er
nur die im Frieden von Passarowitz (1718) festgesetzten Grenzen
verlange. Auch Belgien hoffe er zu versöhnen oder niederzukämpfen,
wenn es ohne fremde Hilfe bleibe. Preußen wolle
er jede billige Forderung erfüllen, ja selbst dem Fürstenbunde
beitreten: nehme der König die ihm vertranensvoll gebotene
Hand an, so sei Europa der Friede gesichert.
Die Aufnahme des Schreibens entsprach nicht ganz den
Erwartungen Leopolds. Friedrich Wilhelm hatte sich trotz Hertzbergs
Gegenwirken in den Gedanken an Krieg hineingelebt.
Auch änderte jede Woche, die verging, ohne daß es zum Schlagen
kam, die militärische Lage zu seinem Nachteil. Wenn er trotzdem
nicht einfach ablehnte, so veranlaßte das namentlich die
Haltung Englands, das plötzlich an der Lebensfähigkeit eines
selbständigen Belgien zweifelte und im Türkenkriege um seines
Handels willen einen Stillstand vermitteln wollte zum Zweck
eines Friedens auf Grund des Besitzstandes vor dem Kriege,
einen preußisch-türkischen Angriff auf Oesterreich aber, wie ihn
das — freilich noch nicht ratifizierte — Bündnis vom 31. Januar
vorsah, entschieden verwarf. Das alles stärkte Hertzbergs
Stellung dem kriegslustigen König gegenüber, und so fiel die
Antwort auf Leopolds Schreiben mehr nach dem Sinn des