Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

196  Neuer  Kampf  zwischen  König  und  Ministerium.

ausdrücklichen  Befehl  auf  und  als  einen  bewußten  Versuch  der  Minister,
den  Bruch  mit  Österreich  herbeizuführen,  und  machte  den  Grafen  Bülow
persönlich  dafür  verantwortlich.  In  einem  am  5.  Februar  unter  seinem
Vorsitz  stattfindenden  Ministerrat,  der  über  fünf  Stunden  dauerte,  krat  der
König  von  neuem  für  enges  Jusammenhalten  mit  Österreich  ein,  erhob
gegen  Bülow  die  schwersten  Anklagen  und  verlangte  von  dem  Ministerium,
daß  es  deren  Berechtigung  anerkenne,  Bülow  preisgebe  und  eine  förmliche
Entschuldigung  nach  Wien  durch  einen  außerordentlichen  Gesandten  richte.
Auch  die  sofortige  Berufung  des  Königskollegiums  und  die  Zusammenziehung
von  Truppen  forderte  er.  Das  Ministerium  lehnte  diese  Jumutungen
entschieden  ab.  In  dem  Königskollegium  werde  bei  der  Gesinnung  der
königlichen  Höfe  Preußen  stets  in  der  Minorität  sein;  Bülow  dürfe  man
schon  deshalb  nicht  fallen  lassen,  weil  man  dadurch  in  ein  schiefes  Licht  gegenüber
  ÖOsterreich  und  den  übrigen  Staaten  komme.:  Auch  werde  man  eine
derartige  Politik  vor  der  demnächst  zusammentretenden  Kammer  nicht
verantworten  können.3  In  einer  Denkschrift  legten  die  Minister  dem  König
von  neuem  dar,  daß  sie  auf  seine  Wünsche  nicht  eingehen  könnten  und  an  der
bisherigen  Politik  festzuhalten  gedächten.  Der  König  war  aufs  ußerste
gekränkt;  er  erklärte  ihnen,  daß  er  sich  nach  diesen  Vorgängen  wieder  völlig
von  der  auswärtigen  Politik  zurückziehen  müsse,  aber  auch  keine  Verantwortung
  für  ihre  weiteren  Schritte  kragen  wolle.“  Mit  seinen  Vertrauten
erwog  er  damals  den  Gedanken,  in  eigenhändigen  Briefen  an  sämttliche
Fürsten  Deutschlands  diesen  mitzuteilen,  daß  er  zwar  notgedrungen  seine
Minister  ihren  Weg  gehen  lasse,  daß  aber  ihre  Politik  nicht  die  seine  sei  und
er  nichts  damit  zu  tun  haben  wolle.5  Ob  es  hierzu  wirklich  gekommen  ist,
wissen  wir  nicht;  indessen  erfahren  wir,  daß  er  den  Grafen  Brühl  noch  einmal
an  den  österreichischen  Hof  geschickt  hat,  vermutlich  doch,  um  mündliche
Eröffnungen  ähnlicher  Art  dorthin  zu  überbringen."  Die  Bedenken  seiner

1  Gerlach  r,  284.  E.  L.  v.  Gerlach  2,  37;  der  Könlg  sagte  am  2.  Februar  von  den  Mlnistern:
  „Sie  wissen,  daß  ich  sie  nicht  entbehren  kann.“

2  Vgl.  Gerlach  #2,  287f,  289.  Die  Minister  keilten  ihre  Beschlüsse  dem  König  am  6.  Febr.
mie  (Bülow  an  Camphausen  8.  Febr.  Bell.  s6).  Vgl.  auch  Bülow  an  Bernstorff  9.  Febr.,
Ringhoffer  95f.

*  Melnecke  2306  nach  dem  Prokokoll.

In  einem  Brlef  an  die  Minister,  wohl  am  11.  Februar;  den  Anlaß  bildete  der  Jusammentritt
  der  Kammern.  S.  Gerlach  1,  292.

*  Außerung  des  Könlgs  zu  Canih,  s.  Gerlach  1,  201.  Vgl.  an  Bunsen  11.  Februar
Ranke  S.  W.  40,  413.  Der  König  von  Würktemberg  schrleb  persönlich  an  ihn  im  Einne
der  österreichischen  Vorschläge  (ogl.  Beilage  67).

“  Otto  Camphausen  hörte  von  Oberstleuenant  Flscher,  „daß  Graf  Brühl  vor  elnigen  Tagen
wieder  die  bekannte  Relse  unternommen  habe“  (an  Ludolf  25.  Februar).