Diese Stellvertretungsorder gefährdete aber von neuem das erst
kürzlich so herzlich gewordene Berhältnis zu meinem Bater. Denn
mein Bater hatte kaum angefangen, meinen Brief zu lesen, als er
in höchste Erregung geriet und in bittere Klagen gegen den Kanzler
und mich ausbrach, da ihm nicht einmal offizielle Mitteilung gemacht
worden sei. Als mein Bruder unserem Bater vorhielt, er müsse
doch das Schreiben Gürst Bismarcks erhalten haben, stellte sich
heraus, daß dieses ihm aus Gründen der Schonung biöher vor-
enthalten war. Die Angelegenheit klärte sich nun zwar auf, hinter-
ließ aber bei meinem Vater, der durch seine Krankheit naturgemäß
sich in einem gereizten Zustande befand, eine Verstimmung, die sich
in keinem Verhältnis zu der Bedeutung der Ursache befand. Durch
solche Mißverständnisse sind mir oft genug Unannehmlichketten in
meinem Elternhause erwachsen.
XI.
Noch im gleichen Monat, der mir schon so viele seelische Er—
schütterungen gebracht hatte, sollte eine gut gemeinte Aktion, die als
ein Werk der Nächstenliebe gedacht war, mir neue Kümmernis be—
reiten. Wie ich schon berichtet habe, stand die tief religiöse Gräfin
Waldersee meiner Gemahlin sehr nahe. Im Verfolg ihrer vielfachen
charitativen Bestrebungen nahm sie Gelegenheit, auch meine Frau
zu veranlassen, sich der leiblichen und seelischen Not der Berliner
Vorstadtgemeinden anzunehmen und die regsame Berliner „Stadt-
mission“ zu unterstützen.
Um das Interesse für die Bestrebungen der Stadtmission auch
in der zumeist ahnungslosen Gesellschaft zu wecken und zu beleben,
wurde Ende November 1887 vor einem Kreis von Eingeladenen,
unter denen sich Angehörige aller politischen Parteien befanden, in
den Räumen des Grafen Waldersee eine Sitzung anberaumt. Der
bekannke Hofprediger Stöcker gab bek dieser Gelegenhekt auf Grund
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