Full text: Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

Diese Stellvertretungsorder gefährdete aber von neuem das erst 
kürzlich so herzlich gewordene Berhältnis zu meinem Bater. Denn 
mein Bater hatte kaum angefangen, meinen Brief zu lesen, als er 
in höchste Erregung geriet und in bittere Klagen gegen den Kanzler 
und mich ausbrach, da ihm nicht einmal offizielle Mitteilung gemacht 
worden sei. Als mein Bruder unserem Bater vorhielt, er müsse 
doch das Schreiben Gürst Bismarcks erhalten haben, stellte sich 
heraus, daß dieses ihm aus Gründen der Schonung biöher vor- 
enthalten war. Die Angelegenheit klärte sich nun zwar auf, hinter- 
ließ aber bei meinem Vater, der durch seine Krankheit naturgemäß 
sich in einem gereizten Zustande befand, eine Verstimmung, die sich 
in keinem Verhältnis zu der Bedeutung der Ursache befand. Durch 
solche Mißverständnisse sind mir oft genug Unannehmlichketten in 
meinem Elternhause erwachsen. 
XI. 
Noch im gleichen Monat, der mir schon so viele seelische Er— 
schütterungen gebracht hatte, sollte eine gut gemeinte Aktion, die als 
ein Werk der Nächstenliebe gedacht war, mir neue Kümmernis be— 
reiten. Wie ich schon berichtet habe, stand die tief religiöse Gräfin 
Waldersee meiner Gemahlin sehr nahe. Im Verfolg ihrer vielfachen 
charitativen Bestrebungen nahm sie Gelegenheit, auch meine Frau 
zu veranlassen, sich der leiblichen und seelischen Not der Berliner 
Vorstadtgemeinden anzunehmen und die regsame Berliner „Stadt- 
mission“ zu unterstützen. 
Um das Interesse für die Bestrebungen der Stadtmission auch 
in der zumeist ahnungslosen Gesellschaft zu wecken und zu beleben, 
wurde Ende November 1887 vor einem Kreis von Eingeladenen, 
unter denen sich Angehörige aller politischen Parteien befanden, in 
den Räumen des Grafen Waldersee eine Sitzung anberaumt. Der 
bekannke Hofprediger Stöcker gab bek dieser Gelegenhekt auf Grund 
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