Full text: Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

nicht durch Gesten und Mimik geschehen konnte. Aber mit großer 
Selbstüberwindung, ja mit stiller Heiterkeit trug er sein furchtbares 
Schicksal. Erschütternd war auch zu erleben, mit welcher Hingebung 
und Liebe meine Mutter den kranken Gemahl pflegte, und wie sie 
um nichts in der Welt sich bereit finden lassen wollte, an die furcht— 
bare Wahrheit zu glauben. Es war ihr unfaßbar, daß unheilbarer 
Krebs das Leben ihres herrlichen Mannes zerstören sollte. Mackenzie 
war noch immer der große Mann, der ihr Vertrauen besaß, und 
neben dem die pessimistischen deutschen Arzte nicht aufkommen konnten. 
Von der Krebsdiagnose, die er im November selbst anerkannt hatte, 
war er inzwischen leichtfertig wieder abgegangen und hatte meine 
Mutter mit neuem Optimismus erfüllt. Zudem krat unter ihrer treuen 
Bflege gerade in den Tagen meiner Anwesenheit eine Besserung ein. 
Vormittags konnte der Kranke im Garten oder auf dem Balkon 
sitzen und die wärmende Sonne des Südens genießen, oft auch auf 
dem Balkon die Fremden, die sich in Scharen einfanden, voll Dank 
für ihre Teilnahme begrüßen. 
So hätte also sehr wohl eine Uberstedelung nach Deutschland 
stattfinden können, um den Wunsch des Kaisers zu erfüllen, wenn 
nicht in der Heimat der Winter außergewöhnlich kalt und stürmisch 
gewesen wäre. Oaher sollte erst der Eintritt wärmerer Witterung 
abgewartet werden, und ich reiste ab, ohne meinen Auftrag aus- 
geführt zu haben. Mit Geheimrat v. Bergmann, der ebenfalls in 
den nächsten Tagen nach Deutschland zurückkehren wollte, bonnte ich 
nur vereinbaren, daß er Mackenzie das Versprechen abnehme, meinen 
Vater im Falle der Verschlimmerung nach Hause zu bringen. Außer- 
dem sollte sein Assistent Dr. Bramann, der seinerzeit den Luftröhren- 
schnitt gemacht hatte, täglich an Leuthold chiffrierte Telegramme über 
den Zustand meknes Vaters schicken. Mehr konnte ich nicht tun. 
Tief bedrückt und hoffnungslos reiste ich nach Berlin zurück. 
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