Volltext : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1853. (44)

Zwei  berühmte  Theologen,  Abdias  (eigentlich  Gottschalk)  Prätorius  und  Andreas
Musculus,  Letzterer  ein  Freund  und  Gesinnungsgenosse  des  durch  den  Entwurf
zum  Interim  bekannten  Hospredigers  Agricola,  und  Anhänger  der  Lehre  von
der  Verwerflichkeit  der  guten  Werke,  standen  an  der  Spitze  der  streitenden  Parteien.
  Auf  Seiten  des  Gegners  befand  sich  der  ebenfalls  früher  schon  erwähnte
Propst  Georg  Buchholzer,  welcher  sich  um  die  Einführung  der  Reformation  in
der  Mark  ein  so  großes  Verdienst  erworben  hatte.  Der  würdige  Geistliche  suchte
seine  Glaubensansicht  gegen  die  gehörten  Angriffe  zu  rechtfertigen;  da  gerieth
aber  der  sonst  milde  Fürst  in  solchen  Zorn,  daß  er  den  Stock  erhob,  als  ob
er  nach  dem  Propst  schlagen  wollte.  Dies  that  er  nun  freilich  nicht,  eiferte
aber  mit  großer  Heftigkeit  gegen  die  Lehre  so  wie  alle  ihre  Anhänger,  und  entließ
  endlich  den  erschreckten  Vertheidiger  derselben  mit  den  Worten:  „Herr  Georg!
ich  will  bei  der  Lehre  des  Musculus  bleiben,  und  befehle  meine  Seele  nach  dem
Tode  unserem  Herrgott,  Eure  aber  mit  Eurer  Gottschalkischen  Lehre  dem  Teufel!“
Buchholzer  verlor  wirklich  seine  Stelle,  während  seltsamer  Weise  der  Haupt-Wortführer
  seiner  Ansicht,  Abdias  Prätorius,  noch  ferner  die  Gnade  des  Kurfürsten
  genoß.

Wer  bedauert  nicht  hierbei,  daß  ein  so  milder  und  verständiger  Fürft  sich
zu  so  unersprießlichen  Maßregeln  verleiten  ließ,  wer  überzeugt  sich  nicht  hierdurch,
  daß  es  niemals  frommen  wird,  wenn  die  heöchste  wellliche  Macht  sich
von  persönlichen  Ansichten  in  religiösen  Dingen  zu  unmittelbarem  Eingriff  in
kirchliche  Angelegenheiten  verleiten  läßt.  Uebrigens  ist  es  leicht  zu  begreifen,  wie
man  in  damaliger  Zeit  eine  so  große  Abneigung  gegen  die  Lehre  von  der  Ersprießlichkeit
  der  guten  Werke  auf  protestantischer  Seite  empfand,  denn  gerade
diese  war  es  ja,  auf  welche  sich  der  so  schamlos  getriebene  Ablaßkram  stützte,
und  durch  welche  die  trostreiche  Lehre  von  der  Vergebung  der  Sünde  so  schmachvoll
  entheiligt  worden  war.

Je  länger  Joachim  II.  die  Zügel  der  Regierung  in  seinen  Händen  hatte,
desto  segensreicher  wurde  sein  Einfluß  auf  die  Leitung  der  innern  und  auswärtigen
  Verhältnisse  seines  Landes.  Trotz  seines  vorgerückten  Alters  hatte  sich  seine
Spannkraft  und  Thätigkeit  nicht  verringert.  „Wenn  ich  meine  Jahre  zähle,
dußerte  er  noch  am  Neujahrstage  1571  zu  seinen  Hofleuten,  die  ihm  den  gewöhnlichen
  Glückwunsch  brachten,  so  habe  ich  genug  gelebt;  wenn  ich  mich
aber  selbst  und  die  jetzigen  Zeiten  betrachte,  so  wünsche  ich  wohl  einige  gute
Sachen  noch  erst  ausführen  zu  können,  nicht  als  ob  ich  länger  zu  leben  und  zu
regieren  Lust  hätte,  sondern  weil  ich  mich  gern  mit  Sachen  beschäftigen  möchte,
die  der  wachsenden  evangelischen  Kirche  zum  Besten  gereichen".
Am  Tage  vor  seinem  Tode  jagte  er  munter  in  dem  Walde  von  Köpenick  herum,
verbrachte  den  Abend  im  Kreise  seiner  Freunde  unter  heitern  und  ernsten  Gesprächen.
  Nach  kurzem  Leiden  schied  er  aus  seinem  thätigen  und  erfolgreichen
Leben,  von  Niemandem  gehaßt,  doch  schmerzlich  beklagt  von  seinen  treuen  Unterthanen,
  und  hochgeachtet  selbst  von  seinen  Gegnern.