Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Erster Teil. (59a)

166  Peutsches  Reich.  (April  30.—  Mai  7.)

Abg.  Dr.  Pachnicke  (Fortschr.  Vp.):  Unter  dem  gleichen  Wahlrecht  hat
Deutschland  einen  Ausschwung  genommen,  um  den  uns  das  Ausland  beneidet
  und  der  der  Anlaß  zum  Kriege  wurde.  Die  Truppen  werden  uns
dankbar  sein,  wenn  wir  ihnen  ein  freies  Vaterland  schaffen.  Das  Ansehen
der  Monarchie  wird  geschädigt,  wenn  sich  herausstellt,  daß  ein  ungekrönter
König  mehr  Einfluß  hat  als  der  gekrönte.  Den  Antrag  Dr.  Lohmann  lehnen
wir  ab.  Das  gleiche  Wahlrecht  kommt  und  ist  nicht  aufzuhalten.  —  Abg.
Lüdicke  (Freikons.):  Die  große  Mehrheit  der  Partei  wird  gegen  das  gl.
Wahlrecht  stimmen,  das  nach  ihrer  Auffassung  den  Bestand  des  preuß.
Staates  zu  gefährden  geeignet  ist.  Die  kgl.  Willenskundgebung  macht  uns
nicht  frei  von  der  Pflicht,  gewissenhaft  zu  prüfen,  was  wir  mit  den  Interessen
  Preußens  vereinbar  halten.  Das  gleiche  Wahlrecht  in  Preußen  würde
zum  Parlamentarismus  und  zu  einem  Scheinkönigtum  führen.  Auch  mit
Rücksicht  auf  den  Schutz  des  Deutschtums  im  Osten  haben  wir  schwere
Bedenken.  Wenn  es  zur  Auflösung  des  Hauses  kommen  sollte,  werden  wir
uns  damit  abfinden.  —  Abg.  Hirsch-Berlin  (Soz.):  Wir  lehnen  das  Pluralwahlrecht
  unter  allen  Umständen  ab,  weil  die  Mehrzahl  der  Wähler  dadurch
entrechtet  wird,  desgleichen  den  Antrag  Lohmann.  Wir  verlangen,  daß  auch
Frauen  das  aktive  und  passive  Wahlrecht  erhalten,  und  fordern  ferner  die
Herabsetzung  des  Wahlalters.  Wir  wollen  das  alte  Preußen  stürzen  und
ein  neues  und  besseres  aufrichten.  —  Abg.  Ströbel  (U.  Soz.):  Die  Regierungsvorlage
  bedeutet  eine  Unschädlichmachung  des  gl.  Wahlrechts;  durch
die  in  Vorschlag  gebrachten  Sicherungen  gegen  das  gl.  Wahlrecht  würde  das
Parlament  vollends  zur  Ohnmacht  verurteilt.  Der  Wahlrechtskampf  der
Zukunft  wird  über  alle  Widerstände  gegen  das  gl.  Wahlrecht  hinweggehen.

2.  Mai.  —  Abg.  Dr.  Rewoldt  (Freikons.):  Wir  haben  nicht  zu  einem
Konflikt  getrieben  und  sind  nicht  dazu  zu  haben,  einen  solchen  Stimmungswechsel
  mitzumachen.  Wir  treten  für  die  Krone  ein,  aber  nicht  wie  die  politischen
Elemente  in  unserem  preuß.  Lande,  die  sonst  am  allerwenigsten  zur  Krone
gehalten  haben.  Wir  sind  der  Ansicht,  daß  durch  eine  Auflösung  die  größte
politische  Verwirrung  hervorgerufen  würde.  In  der  Osterbotschaft  wurde
die  Zusage  gegeben,  daß  bei  der  Neuordnung  des  Wahlrechts  die  im  Felde
stehenden  Wähler  mitraten  und  mittaten  sollen.  Durch  das  gleiche  Wahlrecht
wird  nach  unserer  Meinung  die  Erhaltung  und  Fortbildung  des  preußischen
Staatswesens  nicht  gewährleistet.

Vizepräsident  des  Staatsministeriums  Dr.  Friedberg:  Die  Regierung
würde  es  als  nicht  im  Interesse  des  Landes  liegend  erachten,  wenn  zur
Auflösung  geschritten  würde.  Bei  einer  Notlage  kann  jedoch  der  Fall  eintreten,
  daß  die  Regierung  auf  das  Recht  der  Auflösung  nicht  verzichten
kann.  Die  Regierung  wird  ihre  Stellung  erst  bei  der  dritten  Lesung  kundgeben.
  Bis  dahin  ist  noch  eine  Verständigung  möglich  auf  dem  vom
Ministerpräsidenten  angedeuteten  Wege.  Die  Mehrzahl  der  Wähler  an  der
Front  wird  es  nicht  übelnehmen,  wenn  ihnen  eine  Erweiterung  des  Wahlrechts
  gewährt  wird.

Abg.  v.  Kardorff  (Wild,  wegen  der  Haltung  der  Freikons.  in  der
Wahlrechtsfrage  am  1.  Mai  aus  dieser  Partei  ausgeschieden):  Ich  bin  ein
grundsätzlicher  Gegner  des  gl.  Wahlrechts.  Ich  bin  aber  trotzdem  bereit,
unter  Voraussetzung  wirksamer  Kautelen  auf  den  Boden  des  gl.  Wahlrechts
zu  treten,  weil  ich  es  für  unabwendbar  halte.  Wenn  der  Julierlaß  nicht
durchgeführt  würde,  so  würde  das  zu  einer  Entwurzelung  des  monarchischen
Gefühles  in  großem  Umfange  führen.  Wenn  die  Vorlage  nicht  angenommen
wird,  so  ist  die  Regierung  gezwungen,  aufzulösen.  Wenn  die  Neuwahlen
unter  der  Autorität  der  Regierung  eine  ganz  andere  Machtverteilung  bringen,
so  sind  wir  nicht  mehr  in  der  Lage,  Kautelen  zu  schaffen,  die  heute  noch