Metadata : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

260  Viertes  Buch.  Die  Zeit  der  Epigonen.

und  Glauben  in  Betracht  kommt.  Wer  von  Amts  wegen
Jesum  zu  lehren  verpflichtet  ist,  darf  davon  nicht  ungestraft
abweichen;  Angriffe  und  Spöttereien  gegen  die  Religion  sind
unzulässig.

Ob  Wöllner  wirklich  aus  Ueberzeugung  sprach?  Ob  er
nicht  bestimmte  Absichten  verfolgte?  Einem  Thronerben  empfiehlt
man  sich  ja  nun  einmal  am  besten,  wenn  man  die  bewährten
Gehilfen  des  noch  regierenden  Königs  herabsetzt,  durch  deren
Autorität  und  Verdienst  sich  jener  zum  voraus  bedrückt  fühlt.
An  Zedlitz'  Stelle  zu  treten  meinte  Wöllner  um  so  mehr  berufen
  zu  sein,  als  er  als  Großbeamter  des  Nosenkreuzerordens
im  Besitz  höherer  Weisheit  und  befähigt  sein  wollte,  den  diese
auch  suchenden  Prinzen  ihr  zuzuführen.  Sollte  doch  das  Ziel
des  Ordens  sein,  „die  Ehre  des  Allmächtigen  in  einer  gefallenen
Welt  zum  Glück  des  Menschengeschlechts  zu  befördern  durch  die
von  der  göttlichen  Barmherzigkeit  den  höchsten  Ordensoberen
allein  verliehenen  übergroßen  Keunntnisse  und  Kräfte“.  Und
derselbe  Mann,  der  sich  und  seine  Gläubigen  in  solchen  Phrasen
berauschte,  erteilte  einem  seiner  Ordensbrüder  einen  scharfen
Verweis,  weil  er  bezweifelte,  daß  die  Ordensoberen  vermöge
der  ihnen  innewohnenden  Wunderkräfte  aus  gekochten  Eiern
Hühner  auszubrüten  vermöchten!  Bereits  im  März  1786  ließ
er  sich  durch  Bischoffswerder  Ormesus  Magnus  als  „unwürdiges
Instrument“  empfehlen,  „um  Millionen  Seelen  vom  Untergange
  zu  retten  und  das  ganze  Land  wieder  zum  Glauben  an
Jesum  zurückzubringen“,  war  aber  auch  bereit,  sich  einstweilen
mit  dem  Posten  eines  Finanzministers  zu  begnügen.

Zunächst  geschah  zwar  weder  das  eine  noch  das  andere.
Bald  nach  dem  Thronwechsel  aber  war  Wöllner  der  mächtigste
Mann  und  hieß  im  Volksmunde  der  „Vizekönig“  oder  der
„kleine  König“.  Er  wurde  Geheimer  Finanzrat,  erhielt  den
Adel  und  war  des  Königs  Vertrauensmann  bei  der  Regulierung
des  Nachlasses  Friedrichs.  Die  Akademie  wählte  ihn  zum  Mitglied
  und  ließ  des  großen  Königs  nachgelassene  Werke  durch
ihn  zum  Druck  bringen.  In  verschiedenen  Departements  erhielt
er  einen  Platz.  Bald  hatte  er  alle  Fäden  in  der  Hand.  Durch
ihn  allein  ging  des  Königs  Verkehr  mit  dem  Generaldirektorium.