Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiundzwanzigster Jahrgang. 1907. (48)

100  Ns  Desche  Reit  und  seine  einzelnen  Slieder.  (April  23./26.  24.)

23./26.  April.  (Reichstag.)  Zweite  Beratung  des  Militäretats.
  Patriotismus  und  Sozialdemokratie.

Abg.  Bebel  (Soz.)  polemisiert  gegen  die  Freisinnigen  wegen  ihrer
Bereitwilligkeit,  die  militärischen  Lasten  zu  erhöhen.  Er  verlangt  Herabsetzung
  der  Dienstzeit;  Schweden  und  die  Schweiz  bewiesen,  daß  man  mit
kurzer  Dienstzeit  durch  Beseitigung  von  Paradedrill  eine  vorzügliche  Armee
ausbilden  könne.  Mißhandlungen  seien  noch  häufig  und  die  Strafen  zu
gering.  Die  Militärverwaltung  suche  die  Lokale,  die  von  Sozialdemokraten
benutzt  würden,  zu  boykottieren.  Abg.  v.  Oldenburg  (kons.)  spricht  dem
Kriegsminister  sein  Vertrauen  aus  und  polemisiert  gegen  Bebel.  Abg.
Müller-Meiningen  (fr.  Vp.)  polemisiert  gegen  Bebel;  dessen  Schweizer
Musterheer  werde  von  den  Schweizer  Sozialdemokraten  ebenso  angefeindet
wie  das  deutsche.  Er  verlangt  Maßregeln  gegen  die  Bewucherung  der
Offiziere,  vor  allem  Einschränkung  des  Aufwandes  im  Offizierkorps,  Beseitigung
  der  Spielwut  sowie  koulanteres  Auftreten  der  Vorgesetzten  bei
Kontrollversammlungen.  Preuß.  Kriegsminister  v.  Einem:  Die  Mißhandlungen
  würden  scharf  bekämpft  und  gingen  beständig  zurück;  nach  dem
Buche  des  Rechtsanwalts  Liebknecht  brächten  die  sozialdemokratischen  Abgeordneten
  die  Mißhandlungen  nur  vor,  um  aufzureizen,  nicht  um  sie  abzuschaffen,
  wie  überhaupt  die  Sozialdemokratie  sich  bemühe,  den  Leuten
die  Dienstzeit  zu  verekeln.  Die  Bewucherung  der  Offiziere  sei  schwer  auszurotten;
  die  Kühnheit  der  Gauner  sei  ebensogroß  wie  die  Naivität  und
der  Leichtsinn  mancher  Offiziere.  Abg.  Bebel  lehnt  das  Liebknechtsche
Buch  ab.  —  25.  April.  Abg.  Noske  (Soz.):  Die  Sozialdemokratie  wolle
nicht  die  Armee  mit  einem  Schlage  abschaffen;  sie  begnüge  sich  mit  Abschlagszahlungen.
  An  phantastische  Abrüstung  haben  wir  nie  gedacht,  am
wenigsten  für  Deutschland.  Wir  haben  nur  auf  das  tolle  Wettrüsten  hingewiesen,
  wodurch  die  Völker  finanziell  ruiniert  werden.  In  der  Zukunftsgesellschaft
  allerdings,  so  glauben  wir,  wird  Frieden  herrschen.  Es  hieße
an  dem  Kulturfortschritt  zweifeln,  wenn  man  nicht  glaubte,  daß  einmal
das  unvernünftige  Blutvergießen  ein  Ende  haben  würde.  Das  ist  allerdings
  ein  Zukunftswunsch,  und  wir  rechnen  sehr  wohl  mit  der  Gegenwart,
mit  dem  Gegenwartsstaat.  Wir  haben  von  jeher  ein  Volksheer  gewünscht.
Der  Kriegsminister  operiert  gern  mit  Zitaten.  In  unserem  Programm
steht  unter  anderem:  Erziehung  des  Volkes  zur  allgemeinen  Wehrhaftigkeit.
  Kennt  der  Kriegsminister  dies  nicht?  Selbstverständlich  ist  es  unsere
verdammte  Pflicht  und  Schuldigkeit,  dafür  zu  sorgen,  daß  das  deutsche
Volk  nicht  von  einem  anderen  an  die  Wand  gedrückt  wird.  Dagegen
würden  wir  uns  ebensogut  wehren  wie  diejenigen,  die  den  Patriotismus
gepachtet  zu  haben  glauben.  Aber  das  Säbelrasseln,  wie  es  der  Kriegsminister
  getrieben  habe,  sei  überflüssig.  Kriegsminister  v.  Einem  lehnt
diesen  Vorwurf  ab  und  akzeptiert  die  Versicherung  vom  sozialdemokratischen
Patriotismus.  Trotzdem  wolle  Abg.  Bebel  die  Armee  abschaffen,  trotzdem
schäumten  die  sozialdemokratischen  Aufrufe  über  von  Feindschaft  gegen  die
Armee.

24.  April.  (Preußen.)  Dem  Abgeordnetenhause  gehen  zwei
Novellen  zum  Pensionsgesetz  für  die  Volksschullehrer  und  zum  Gesetze
  betreffend  die  Fürsorge  für  die  Witwen  und  Waisen  der  Lehrer
an  den  öffentlichen  Volksschulen  zu.

Die  Gesetze  von  1885  und  1899  entsprechen  in  ihren  wesentlichen
Grundzügen,  insbesondere  hinsichtlich  der  Pensions=  und  Reliktengeld-