138 Zweiter Zeitraum.
man mir nur meine Regimenter,“ pflegte er zu sagen, „so gebe ich nichts verloren.“
Gerade um diese Zeit führte er eine von ihm erfundene Truppe, die reitende
Artillerie, in sein Heer ein, was seine Feinde aus Geldmangel ihm nicht nachmachen
konnten. Auch das englisch-hannoversche Heer unter Ferdinand von Braunschweig
führte bis Ende 1762 den Krieg gegen die Franzosen fort. Großen Trost
und immer neue Hoffnung schöpfte der König aus der Systesecudigkei seines Volkes.
Die Stände der Marken rüsteten freiwillig auf ihre Kosten Landmilizen und berittene
Jäger aus, die bei der Verteidigung der Landesfestungen und im kleinen Kriege
gegen die Schweden und Russen treffliche Dienste leisteten. Alte Edelleute, die schon
seit Jahren auf ihren Gütern zurückgezogen lebten, nahmen die Schwerter wieder
von der Wand und traten als Ofliziere bei diesen Milizen ein. Die pommerschen
Seeleute vereinigten sich, um mit ihrer kleinen Flotte die Odermündung gegen die
Schweden zu halten. Sechs Jahre lang gupsigen die Beamten keinen Gehalt,
thaten aber ruhig ihren Dienst, als verstünde sich das von selber. Während Ostpreußen
von den Russen besetzt war, sammelten die dortigen Beamten Geld und Getreide
für ihren König; verkleidet und mit Lebensgefahr brachten sie es durch die
russischen Heere. Ein siebzigjähriger Schäfer im Halberstädtischen, der schon sechs
Söhne bei der Fahne hatte, gab dem Werbehauptmann seinen siebenten Sohn, weil
er hörte, daß es dem Könige „auf dem Nagel brenne“. Als die Franzosen das
Ravensbergische besetzten, fanden sich dort fünfzig Bauerburschen ein, welche die
preußischen Fahnen verlassen hatten, weil sie meinten, sie brauchten dem Könige jetzt
nicht mehr zu dienen. Aber die Bauern schlossen sie von jedem Verkehr aus, die
Kirche versagte ihnen Beichte und Abendmahl und das elterliche Haus die Aufnahme.
Den Fahnenflüchtigen blieb nichts anderes übrig, als zu den Regimentern zurückzukehren.
— Aus der Grasfschaft Mark machten sich wiederholt Bürger= und Bauersöhne
auf in das preußische Lager. Als sie zum erstenmal vor Friedrich erschienen,
fragte er sie: „Was wollt ihr?“ — „Dienen.“ — „Wer hat euch hergeschickt?“ —
„Unsere Väter.“ — „Wie viele sind unterwegs entlaufen?" — „Niemand! Könnten
wir das, dann wären wir ja nicht gekommen.“ — Des Königs Auge glänzte vor
Freude. „Seid mir willkommen, brave Markaner,“ rief er aus; „auf euch kann ich
auen.“
Der König teilte mit seinen Soldaten alle Gefahren und Entbehrungen. Einst
hatte ein Pandur schon auf ihn angelegt. Drohend erhob der König seinen Krückstock
und rief: „Er hat ja kein Pulver auf der Pfanne!“ Der verdutzte Soldat sah
nach; aber ehe er wieder anlegen konnte, war Friedrich davon. Eines Nachts saßen
der König und Zieten auf einem Reisigbündel neben dem Wachtfeuer. Als Zieten
einschlummerte und von dem Bündel herunterrutschte, legte ihm ein Grenadier ein
anderes unter. „Bravo!“ sagte der König leise; „der alte Mann ist müde.“ Bald
nachher wollte ein anderer Grenadier sich am Feuer die Pieife anzünden, stieß aber
unvorsichtigerweise Zieten an den Fuß. Da erhob der König drohend den Finger
und rief: „PstI Grenadier, wecke er mir den Zieten nicht; er ist sehr müde!“
Diese Standhaftigkeit des Königs und seines Volkes ward herrlich belohnt.
Im Januar 1762 starb Elisabeth von Nußland, und ihr Nachfolger
Peter III. von Holstein-Gottorp, ein leidenschaftlicher Verehrer Friedrichs,
schloß sofort Frieden mit ihm, räumte die von den Russen besetzten preußischen
Gebiete und ließ sogar das in Schlesien lagernde russische Heer unter Tschernitschew
zu Friedrich stoßen. Diesem Frieden traten bald Schweden und Mecklenburg
bei.
Die Schweden hatten während des ganzen Krieges so wenig ausgerichtet,
daß Friedrich auf ihren Friedensantrag wegwerfend erwiderte: „Ja so, ich
habe davon gehört, daß General Belling mit den Schweden allerlei Händel
gehabt hat.“ Die Vermittelung übernahm die Königin von Schweden, Friedrichs
Schwester, und dieser erklärte ausdrücklich, daß er nur aus Rücksicht auf seine
Schwester die Sache auf dem alten Fuße belassen wolle.