Full text : Unser Preußen.

238  Zweiter  Zeitraum.

In  voller  Manneskraft  und  für  sein  schweres  Amt  so  wohl  vorbereitet
wie  wenige  Herrscher  bestieg  Friedrich  Wilhelm  IV.  den  Thron;  selten
wurde  aber  auch  ein  neuer  Herrscher  mit  größeren  Hoffnungen  empfangen.
Volksfreiheit  und  ein  Deutsches  Reich  erwartete  man  von  ihm.  Die  erste
Hoffnung  schien  sich  schon  bald  erfüllen  zu  sollen:  der  König  setzte  Arndt
wieder  in  sein  Amt  ein,  gab  Jahn  die  Freiheit  zurück  und  erließ  eine  allgemeine
  Amnestie  für  politische  Verbrecher.  Als  er  in  Königsberg  zur  Huldigung
  erschien,  baten  ihn  die  Stände  von  Posen,  Ost=  und  Westpreußen,
indem  sie  an  das  Versprechen  Friedrich  Wilhelms  III.  erinnerten,  er  möge
dem  Lande  eine  Verfassung  gewähren.  Der  König  erwiderte,  die  Provinzialstände
  wolle  er  sorgfältig  pflegen,  eine  allgemeine  Landesvertretung  halte  er
wie  auch  sein  Vater  für  unverträglich  mit  dem  Glücke  des  preußischen  Volkes.
Dennoch  jubelte  das  Volk  ihm  zu,  als  er  bei  der  Huldigung,  den  Arm  zum
Schwur  erhebend,  rief:  „Ich  gelobe,  ein  gerechter  Nichter,  ein  treuer,  sorgfältiger,
  barmherziger  Fürst,  ein  christlicher  König  sein  zu  wollen."  Wie
zündete  auch  das  Wort,  welches  er  bei  der  Huldigung  in  Berlin  dem  nach
Tausenden  zählenden,  im  Lustgarten  um  ihn  versammelten  Volke  zurief:  „Ich
will  vor  allem  dahin  trachten,  dem  Vaterlande  die  Stelle  zu  sichern,  auf
welche  es  die  göttliche  Vorsehung  durch  eine  Geschichte  ohne  Beispiel  erhoben
hat,  auf  welcher  Preußen  zum  Schilde  geworden  ist  für  die  Sicherheit  und
Ruhe  Deutschlands.“  Selbst  das  außerpreußische  Deutschland  richtete  seine
Blicke  voller  Hoffnung  auf  den  für  Deutschlands  frühere  Herrlichkeit  so  begeisterten
  König,  und  als  um  diese  Zeit  die  Franzosen  wieder  Gelüste  nach
dem  linken  Rheinufer  verrieten,  da  sang  in  kurzem  ganz  Deutschland  Nikolaus
Beckers  Lied:  „Sie  sollen  ihn  nicht  haben,  den  freien,  deutschen  Rhein.“  Max
Schneckenburger  dichtete  damals  seine  „Wacht  am  Rhein“",  und  Arndt  rief:
„All  Deutschland  in  Frankreich  hinein!"  Das  Ausland  stutzte  über  dieses
plötzlich  erwachte  Nationalgefühl,  Frankreich  rüstete  ab.  Begeistert  für  die
altdeutsche  Kunst,  stellte  sich  Friedrich  Wilhelm  an  die  Spitze  des  Dombau—
vereins,  der  es  sich  zur  Aufgabe  machte,  den  schon  1248  begonnenen,  aber
nicht  beendeten  Riesenbau  des  Kölner  Domes  mit  Unterstützung  aller
deutschen  Fürsten  und  Stämme  sowie  aller  Konfessionen  zu  vollenden.  Bei
der  Grundsteinlegung  zum  Weiterbau  sprach  er:  „Hier  sollen  sich  die  schönsten
Thore  der  ganzen  Welt  erheben.  Mögen  sie  für  Deutschland  Thore  einer
neuen,  großen,  guten  Zeit  werden!“  ·

Das  Ziel  aber,  welches  ihm  vorschwebte  —  Wiederherstellung  des  alten
Lehnstaates  mit  einem  Kaiser  aus  dem  Hause  Osterreich  —,  hielten  die
Liberalen  für  verfehlt;  auch  des  Königs  beharrliche  Weigerung,  seinem  eigenen
Volke  eine  Verfassung  zu  geben,  erregte  manche  Verstimmung,  und  die  der
Presse  gewährte  größere  Freiheit  gab  die  Möglichkeit,  die  Unzufriedenheit
desto  offener  zu  schüren.  Der  erste  Versuch  des  Königs,  den  Deutschen  Bund
einheitlicher  zu  gestalten,  scheiterte  an  der  geringen  Opferwilligkeit  seiner  Mitürsten.

fürf  Der  König  beabsichtigte  die  Provinzialstände  zu  einem  Ganzen  zusammenzufassen.
  Zunächst  berief  er  (1842)  einen  „Vereinigten  Ausschuß  der
einzelnen.  Provinziallandtage  nach  Berlin;  doch  er  überzeugte  sich  bald  selber