Full text : Bismarck, Die gesammelten Werke, Band 6a.

94  v.  Kattes  undiplomatisches  Vorgehen.

*910.  Privatschreiben  an  den  Geschäftsträger  in  London  von  Katte.

[Konzept  von  der  Hand  des  Vortragenden  Rats  Abeken.]

Vertraulich.  Berlin,  den  29.  Öktober  1867.

Ew.  pp.  haben  in  Ihrem  gefälligen  Bericht  Nr.  267  vom  23.  d.  M.  den  Inhalt  einer
Unterredung  wiedergegeben,  welche  Sie  mit  Lord  Stanley  über  die  römische  Frage  gehabt
haben.  Die  Veranlassung  dazu  hatte  Ihnen  mein,  in  dem  Erlasse  Nr.  342  vom  19.  d.  M. ¹
ausgedrücketer  Wunsch  gegeben,  durch  Ihre  Vermittlung  die  Eindrücke  der  Situation  auf
das  Königlich  Großbritannische  Kabinett  zu  erfahren.  Die  Darstellung,  welche  Ew.  pp.
von  Ihrem  eigenen  Verfahren  geben,  fordert  mich  zu  einigen  vertraulichen  Bemerkungen
auf,  welche  ich  in  Ihrem  eigenen  Interesse  ausspreche.

So  gern  ich  den  Eifer  anerkenne,  mit  welchem  Ew.  pp.  diesem  Wunsche  zu  entsprechen
bemüht  gewesen  sind,  so  fürchte  ich  doch,  daß  dieser  Eifer  Ew.  pp.  veranlaßt  hat,  die  Rücksichten,
  welche  bei  der  Ausführung  eines  solchen  Auftrages  maßgebend  bleiben  mußten,
einigermaßen  aus  den  Augen  zu  lassen.  Meine  Absicht  war  an  sich  nicht  auf  eine  direkte
Interpellation  des  Königlich  Großbritannischen  Ministers  der  auswärtigen  Angelegenheiten
  gerichtet.  Eine  solche  würde  immer  nur  in  ausdrücklichem  und  amtlichem  Auftrag
und  im  entscheidenden  Augenblicke  erfolgen,  wo  eine  Regierung  behufs  unmittelbar  zu
fallender  eigener  Entschlüsse  der  Haltung  einer  fremden  Regierung  sich  vergewissern  muß.
Im  gegenwärtigen  Augenblicke  kam  es  darauf  an,  in  mehr  indirektem  Wege  der  Unterhaltung
  —  und  soweit  dieß  ohne  directe  Fragen  möglich²  —  den  Eindruck  zu  erkennen,
welchen  die  Situation  bei  dem  Königlich  Großbritannischen  Kabinett  gemacht;  ist  ein  Minister
auch  dann,  wenn  eine  Angelegenheit  ihm  gegenüber  gesprächsweise  berührt  wird³,  in  seiner
Mitteilung  über  dieselbe  so  zurückhaltend,  daß  sich  keine  bestimmte  Anschauung  daraus
gewinnen  läßt,  so  muß  diese  Zurückhaltung  respektiert  und  der  Versuch,  sie  zu  überwinden,
nicht  durch  direkte  Fragen  gemacht  werden,  welche  entweder  den  nicht  beabsichtigten  Eindruck
  einer  förmlichen  Interpellation  machen  oder  indiskret  erscheinen  müssen.  Ich  kann
Ew.  pp.  versichern,  daß  ich  wenigstens  einen  fremden  Geschäftsträger,  welcher  auf  solche
Weise,  wie  Ew.  pp.  dies  nach  Ihrer  eignen  Darstellung  Lord  Stanley  gegenüber  getan
haben,  nicht  wieder  empfangen  würde ⁴.

Ew.  pp.  bitte  ich,  diesen  vertraulichen  Erlaß  als  einen  persönlich  freundschaftlichen
Rat  entgegenzunehmen,  um  sich  in  zukünftigen  Fällen  die  angedeuteten  Gesichtspunkte
gegenwärtig  erhalten  zu  können.

*911.  Erlaß  an  den  Botschafter  in  Paris  Grafen  von  der  Goltz.

[Konzept  von  der  Hand  des  Vortragenden  Rats  Abeken.]

In  einem  Bericht  vom  24.  Oktober  war  Graf  v. d.  Goltz noch einmal  auf  die  Frage
eines  Zusammenhangs zwischen  dem  französischen  Interventionsbeschluß  und  dem  Italiens  Verhalten
  tadelnden  Artikel  der  "Norddeutschen  Allgemeinen  Zeitung“  (vgl.  Nr.  900)  zurück------------------------------------                                                                                                                                                                           1 Siehe

  Nr.  895.    
2 Die Worte: „und soweit dieß ..."  eigenhändiger  Zusatz Bismarcks.
3 Der Passus: „auch dann, wenn ..."  eigenhändiger Zusatz Bismarcks.  
4 Tatsächlich hat Bismarck sich wiederholt  bitter  über  die  aufdringliche  und  indiskrete  Art  beklagt,
in  der  ihn  der  französische  Geschäftsträger  Lefébvre  de  Béhaine  ausfragte.  Vgl.  Nr. 915.