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Antwort des Reichskanzlers auf die Denkschrift des Grafen Czernin. 260
„Obwohl wir hiernach das Recht haben, die Gesamtlage als günstig zu
beurteilen, befinde ich mich doch in voller Dbereinf'inemung mit dem Grafen
Czernin bei Verfolgung des Zicles, einen ehrenoollen, den Interessen des
Reiches und unserer Bundesgenossen gerecht werdenden Frieden sobald wie
möglich herbeizuführen. Ich teile auch die Ansicht des Herrn Ministers, daß
das wichtige Moment der Schwächung Rußlands ausgenutzt und daß eine erneute
Friedensaktion zu einem Zeitpunkt eingeleitet werden muß, an dem die
militärische und politische Initiative noch in unseren Händen ruht. Graf Czernin
hat den Zeitpunkt hierfür in zwei bis drei Monaten') ins Auge gefaßt, an dem
die feindtichen Offensiven ihr Ende gefunden haben. In der Tat würde gegenwärtig
bei den weitgesprannten Ermwartungen der Franzosen und der Engländer
auf einen entscheidenden Erfolg ihrer Offensive und den noch nicht geschwundenen
Hoffnungen der Entente auf ein Wiedererwachen der russischen Aktivität eine zu
stark unterstrichene Friedensbereitschaft nicht nur zur Erfolglosgkeit verdammt
sein, sondern auch durch den in ihr ruhenden Schein der hoffnungslosen Erschöpfung
der Mittelmächte die Kräste der Gegner neu beleben. Augenblicklich
wäre ein allgemeiner Friede nur durch Unterwerfung unter den Willen unserer
Feinde zu erkaufen. Ein solcher Friede aber würde vom Volke nicht ertragen
werden und verhängnisvolle Gefahren für die Monarchie heraufbeschwören.
Ruhe, Entschlossenheit und eine auch nach außen dokumentierte Zuversicht scheinen
mir deshalb mehr denn je geboten. Die Entwicklung der Ereignisse in Rußland
hat sich bisher zu unseren Gunsten vollzogen. Der Kampf der Parteien wird
vom Gebiete politischer, wirtschaftlicher und sozialer Forderungen in zunehmendem
Maße auf das engumschriebene Feld der Kriegs= und Friedensfragen gedrängt,
und es gewinnt immer mehr den Anschein, als ob nur diejenige Partei
sich wird dauernd an der Macht halten können, die den Weg zum Frieden mit
den Mittelmächten beschreitet?“). Unsere ernste Aufgabe ist es, den Entwicklungs=
und Zersetzungsprozeß in Rußland aufmerksam zu verfolgen und zu
begünstigen und kommende russische Sondierungsversuche zwar ohne zur Schau
getragenes empressement, aber doch sachlich so zu behandeln, daß sie zu tatsächlichen
Fricdensverhandlungen führen. Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür,
daß Rußland den Schein des Verrats an seinen Verbündeten wird vermeiden
und einen Modus suchen wollen, der saktisch einen Friedenszustand zwischen
Rußland und den Mittelmächten herbeiführt, äußerlich aber die etwaige Vereinbarung
zwischen beiden Parteien als das Präludium zum allgemeinen Frieden
darstellt.“
Inzwischen war die Friedensvermittlung des Prinzen Sixtus
zwischen Österreich und der Entente zum Stillstand gekommen,
wesentlich aus dem Grunde, weil Italien seine Ansprüche auf öster-*)
Bis dahin mußte die Vermittlung des Prinzen Sixtus irgendein Ergebnis
gezeitigt haben.
**) Die Verhältnisse in Rußland sind vom Reichskanzler nicht richtig eingeschätzt
worden.