Full text : Europäischer Geschichtskalender. Fünfzehnter Jahrgang. 1874. (15)

—

—
S

2.

Die  Sterreichisch-ungarische  Monarchie.  313

gen  lasse.  Das  Prädikat  des  Conservativismus  nimmt  der  Ministerpräsident
auch  für  das  Ministerium  in  Anspruch,  das  gielbewußt  seine  Bahnen  wandle
und  sich  von  diesen  weder  nach  richts  noch  nach  links  abdrängen  lasse.  Am
entschiedensten  und  mit  großer  Wärme  tritt  Fürst  Auersperg  den  Worten
eines  Redners  entgegen,  der  aus  der  Annahme  der  confessionellen  Gesetze  —
den  Untergang  des  Reiches,  ja  der  Dynastie  in  Aussicht  stellte.  Unter  lebhaftem
  Beifall  erklärt  der  Fürst,  daß  die  Dynastie  auf  der  unerschülterlichen
Liebe  und  Anhänglichkeit  aller  Stämme  an  dieselbe  ruhe,  und  nach  seiner
innersten  Ueberzeugung  sie  sowohl  als  das  Reich  für  alle  Ewigkeit  dauern
werde.  Von  der  Annahme  oder  Ablehnung  der  vorliegenden  Gesetze  könne
der  Bestand  des  Thrones  wie  des  Reiches  gewiß  nicht  abhängen,  und  er
müsse  sich  auf  das  entschiedenste  verwahren,  daß  man  bei  jedem  mißliebigen,
weil  fortschrittlichen,  Gesetze  gleich  den  Bestand  des  Reiches  oder  Thrones
für  gefährdet  erkläre.  Unter  dem  Eindruck  der  Anersperg,  schen  Rede  schreitet
man  zur  namentlichen  Abstimmung,  die  eine  Reihe  interessanter  Erscheinungen
  zu  Tage  fördert.  Von  den  Kirchenfürsten  stimmen  alle  selbstverständlich
fUr  die  Tagesordnung,  den  griechisch-  orientalischen  Ergbischof  von  Czernowitz,
Bendella,  ausgenommen,  der  mit  der  liberalen  Partei  sein  Botum  für  die
Reform  in  die  Wagschale  wirft.  Die  sliberaken  im  Herrenhause  sstenden.
Auersperge,  beide  Rürsta  Liechtenstein,  Fürst  Rosenburg,  Graf  Taasse,  Landraf
  Fürstenberg,  R.  v.  Höfler,  Graf  Wilczek,  Fürst  Lippe-Schaumburg,  die
Filbpruameister  Namming,  Degenfeld,  Hauslab,  Frhr.  v.  Krauß  und  andere
sind  unter  der  Mehrheit.  Die  Minderheit  bildet  der  Episcopat,  Fürst
Richard  Metternich,  Graf  Rechberg,  Graf  Potozki,  Graf  Clam-Gallas,  Fürst
Joh.  Ad.  Schwarzenberg,  Leo  Thun  (die  anderen  drei  im  Hause  sitzenden
Mitglieder  der  Familie  stimmen  mit  der  Mehrheit)  und  andere.  Mit  der
Abstimmung  ist  das  Schicksal  der  Vorlagen  im  Herrenhaus  überhaupt  entschieden
  und  sichergestellt.

April.  (Oesterreich.)  Der  Papst  ernennt  den  Msgr.  Jacobini  zum
Nuntius  in  Wien  und  derselbe  reist  aufs  schleunigste  dahin  ab,  „um
zu  retten,  was  noch  zu  retten  ist"“.

„  (Oesterreich.)  Abg.-Haus:  nimmt  das  dritte  der  4  confessionellen
  Gesetze,  über  die  Anerkennung  von  Religionsgesellschaften,  an.
„  (Oesterreich.)  Abg.-Haus:  tritt  den  unbedentenden  Modificationen
  des  Herrenhauses  bez.  des  ersten  und  wichtigsten  der  vier  confessionellen
  Gesetze  bei,  so  daß  darüber  wenigstens  bereits  Gesammtbeschluß
  besteht.

„  (Oesterreich-Ungarn.)  Eröffnung  der  Delegationen  in  Ofen.
Das  gemeinsame  Ministerium  legt  denselben  das  Budget  für  1875
vor.

.  (Oesterreich.)  Herrenhaus:  genehmigt  auch  das  zweite  der  confessionellen
  Gesetze,  indem  es  zwar,  den  Wünschen  des  Clerus  Rechnung
  tragend,  die  Steuerscala  nicht  unwesentlich  abändert,  ohne  jedoch
das  Princip  zu  alteriren,  mit  66  gegen  20  Stimmen.

 

 

25—29.  ,  (Oesterreich.)  Abg.-Haus:  Debatte  über  das  vierte  und

letzte  confessionelle  Gesetz,  betr.  die  Klöster.  Die  Mehrheit  beschließt
ein  Amendement,  daß  zur  Errichtung  von  Orden  und  Ansiedelung
von  Klöstern  fortan  ein  Reichsgesetz  nothwendig  sei,  und  zweitens,  daß
in  die  Klöster  nur  österreichische  Staatsbürger  eintreten  und  Vorsteher