Full text : Hermann Stegemanns Geschichte des Krieges. Erster Band. (1)

388  Anhang  zur  militärischen  Lage  Europas

darauf,  daß  England  genötigt  sei,  in  Belgien  zu  landen  —  auch  ohne  die  Er.
laubnis  der  belgischen  Regierung  —  um  einen  Durchbruch  des  deurschen  Heeres  zu
verhindern,  und  weist  ausdrücklich  darauf  hin,  daß  die  belgische  Heeresmacht
nicht  imstande  sei,  dieser  Aufgabe  gerecht  zu  werden.  Aus  diesen  Besprechungen
und  aus  dem  damit  verbundenen  Gedankenaustausch  erwächst  dann  bezeichnender.
weise  gewissermaßen  ein  Versprechen  Englands,  mit  160  000  Mann  in  die  Lücke
zu  treten.  Zählen  wir  das  belgische  Heer  mit  den  tatsächlich  vorhanden  gewesenen
120  000  Mann  zu  diesen  160  000  Engländern  binzu,  so  kommen  wir  auf  eine
Gesamtstärke  von  280  000  Mann,  also  auf  ein  Heer,  das  wohl  imstande  war,
zwischen  Antwerpen  und  Lüttich  eine  Flankenstellung  einzunehmen,  an  der  nicht
vorbeigegangen  werden  konnte.

Offenbar  sind  die  von  England  ausgeübten  Druckmittel,  die  in  diesen  Be.
sprechungen  sichtbar  werden,  von  Den  belgischen  Fachleuten  und  der  belgischen
Regierung  als  solche  sehr  wohl  erkahnt  worden,  und  es  ist  gestattet,  aus  dem  Dokument
  Greindl  den  Schluß  zu  ziehen,  daß  die  belgische  Regierung  sich  auch  der
Gefahr  der  milikärischen  Lage  bewußt  war.  Sie  vermochte  jedoch  nicht,  sich  der
englischen  Einkreisungspolitik  zu  entziehen,  bielt  die  Entente  für  die  stärkere  Partei
und  versuchee  nur,  sich  den  einseitig  orientierten  Verhältnissen  so  anzupassen,  daß
ste  nicht  vollständig  im  englisch-französischen  Konzern  unterging.  Als  Belgien
im  Jahre  1912  zu  einer  allgemeinen  Heeresreform  schrite,  zog  es  die  Folgerungen
  aus  der  allgemeinen  Lage  und  gedachte  sich  zugleich  dadurch  des  ihm  auferlegten
  Zwangs  zu  entledigen.  Vielleicht  spielt  Beyens  Schreiben  vom  24.  April
1914  auf  diese  Dinge  an.

Aus  den  belgischen  Kammerverhandlungen  Über  das  Wehrgeseg  geht  deutlich
bervor,  daß  die  Regierung  nicht  frei  handelte,  als  sie  diese  Vorlage  einbrachte.
Kriegsminister  de  Broqueville  erklärte:

„Nous  avons,  en  effet,  été  officieusement  avisés  de  certaines  intentions,  et
Vest  alors  que  nous  nous  sommes  dit  qu’il  fallait  accroftre,  dans  les  propositions
nécessaires,  l’armée  belge,  afin  que  tout  le  territoire  füt  effcacement  déleudu.“

Unter  diesen  gewissen  Absichten  (certaines  intentions)  verstand  man  in  der
Offenelichkeit  wohl  nur  eine  Anspielung  auf  die  Möglichkeit  eines  deutschen
Durchbruches  durch  das  neutrale  Land.  Betrachtet  man  jedoch  die  Verhandlungen
  aus  der  Rückschau,  so  läße  sich  der  Gedanke  nicht  abweisen,  daß  dadurch  auch
eben  jene  bekannten  Besprechungen  getroffen  werden,  welche  der  englische  Generalstab
  herbeigeführt  hatte  und  die  auf  den  Eneschluß  der  belgischen  Regierung  ohne
Iweifel  von  Einfluß  waren.  Wirft  doch  die  weitere  Erklärung  de  Broquevilles,
daß  die  belgische  Armee  sich  nach  dem  Verkeidigungsplane  im  Raume  nördlich
der  Maas,  also  im  Dreieck  Lüttich—  Ramur—Antwerpen,  versammeln
sollte,  und  daß  sie  nach  vollzogenem  Aufmarsch  über  die  Linie  Lüteich—  Namur
gegen  Süden  vorstoßen  werde,  ein  helles  Licht  auf  den  Operationsplan,  der  der
belgischen  Armee  deutlich  eine  Flankenbewegung  als  Aufgabe  stellte.  Dieser
DPlan  hatee  also  eine  gemeinsame  Keiegshandlung  der  französsischen  und  belgischen
Streitmächte  zur  Voraussehyung.  An  die  Erklärung  Broauevilles  knühpfte  sich
eine  lebhafte  Debatte,  da  die  Vertreter  der  südlich  der  Maas  gelegenen  Provinzen
sich  gegen  diese  militärische  Hreisgabe  ihrer  Wahlkreise  auflehnten.  Der  Minisler
war  nakürlich  nicht  in  der  Lage,  ihnen  vor  der  Offentlichkeit  zu  sagen,  daß  diese