Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dreiunddreißigster Jahrgang. 1917. Erster Teil. (58a)

Beutsches  Reich.  (April  18.—19.)  419

wortung  lastet,  zur  Ausschußsitzung  zugezogen.  Wir  wissen,  daß  jetzt  die
ganze  Partei  hinter  dem  Parteiausschuß,  dem  Parteivorstand  und  diesen
beiden  Körperschaften  steht,  und  wenn  durch  deren  Mund  die  deutsche
Sozialdemokratie  möglichst  einstimmig  eine  Antwort  auf  die  Petersburger
Beschlüsse  in  die  Welt  gehen  läßt,  so  kann  das  seinen  Eindruck  nicht  versehlen.
  Wir  haben  die  Resolution  mit  voller  Absicht  so  gefaßt,  daß  sie  eine
Antwort  darstellt  auf  die  Beschlüsse  des  russischen  Arbeiter-  und  Soldatenrats.
  Daher  haben  wir  aus  diesen  Beschlüssen  wörtliche  Zitate  in  die  Resolution
  übernommen.  Ich  bitte  um  ihre  einstimmige  Annahme,  sie  wird
ihre  Wirkung  nicht  verfehlen.

Im  Schlußwort  erklärt  Abg.  Scheidemann:  Zu  Drohungen  für
den  Fall  eines  Versagens  des  Verfassungsausschusses  liegt  jetzt  noch
kein  Grund  vor.  Wir  sind  fest  entschlossen,  nach  keiner  Hinsicht  Rücksichten
zu  nehmen.  Alle  Kräfte  des  arbeitenden  Volkes  werden  eventuell  mobil
gemacht  werden,  um  die  Wahlreform  in  Preußen  durchzusetzen.  Zunächst
sehen  wir  es  als  selbstverständlich  an,  daß  der  Verfassungsausschuß  die  von
ihm  verlangte  Arbeit  leisten  wird.  Sehr  erfreulich  ist  es,  daß  die  ganze
Versammlung  in  der  entschiedenen  Verwerfung  einer  Aufschiebung  der  Wahlreform
  bis  nach  dem  Kriege  übereinstimmt;  auch  darin  aber,  daß  das
Wahlrecht  unter  allen  Umständen  gleich  sein  muß.  In  unserer  Friedensaktion
  gilt  es  nach  dem  Lassalleschen  Wort  zu  handeln,  alle  Kräfte  auf
einen,  den  wichtigsten  Punkt  zu  konzentrieren.  Gewundert  hat  mich  das
Verlangen,  daß  wir  gegen  die  Annexionisten  schärfer  vorgehen  sollen.
Eine  solche  Bedeutung  haben  die  Herrschaften  jetzt  nicht  mehr.  Ich  glaube,
sie  haben  jetzt  in  einem  Eisenbahnzug  Platz  und  in  weiteren  vier  Wochen
in  einer  Droschke.  Wer  kann  die  Handvoll  Leute  ernst  nehmen,  die  immer
noch  zu  träumen  wagen,  daß  ihre  unsinnigen  Forderungen  zu  verwirklichen
  wären!  Wie  hat  man  früher  unsere  Ansicht  verlacht  und  beschimpft,
daß  dieser  Krieg  nicht  so  enden  werde,  daß  die  eine  Mächtegruppe  der
andern  den  Frieden  diktieren  könnte  —  jetzt  ist  es  nachgerade  die  allgemeine
  Ueberzeugung  geworden.  Können  wir  einen  besseren  Sieg  erreichen
als  den,  daß  vereitelt  worden  ist,  was  uns  angetan  werden  sollte?  Die
größte  Gefahr  für  einen  baldigen  Frieden  besteht  meines  Erachtens  in  sogenannten
  wilden  Streiks.  Wenn  es  jemanden  gibt,  der  die  Stimmung
des  Volkes  richtig  einschätzt,  dann  sind  wir  es,  die  wir  mit  berufen  sind,
schwere  Verantwortung  zu  tragen.  Verständlich  sind  diese  Bewegungen,
gewissenlos  aber  ist  es,  an  der  Not  des  Volkes  in  dieser  schweren  Zeit
Parteisüppchen  kochen  zu  wollen.  Wir  wissen,  daß  in  den  Versammlungen
der  Streikenden  solche  Versuche  gemacht  worden  sind;  wir  wissen  freilich
auch,  daß  eine  Anzahl  dieser  Versammlungen  es  abgelehnt  hat,  sich  mit
politischen  Dingen  und  Parteispektakel  zu  beschäftigen,  weil  das  dem  Frieden
unter  keinen  Umständen  dienen  könne.  Solche  Streiks  könnten  neben  der
schlimmen  Wirkung  im  Auslande  das  Vertrauen  des  eigenen  Volkes  in
die  Kraft  unserer  Abwehr  erschüttern.  Das  Geraune  und  Geflüster,  wir
seien  Regierungssozialisten,  ist  natürlich  nicht  ohne  Erfolg  geblieben  bei
leichtgläubigen  Menschen.  Käme  es  aber  zu  einer  Militaristeung  der  Betriebe,
  dann  müssen  sich  die  Arbeiter  dafür  bei  denen  bedanken,  die  ihnen
gewissenloserweise  schlechte  Ratschläge  gegeben  haben.

Am  Schlusse  der  Verhandlungen  wird  einstimmig  folgende  Resolution
  zum  Beschluß  erhoben:  Der  Parteiausschuß  und  der  Parteivorstand
der  Sozialdemokratischen  Partei  Deutschlands  haben  in  gemeinsamer  Sitzung
mit  den  Vorständen  der  Fraktionen  des  Reichstages  und  des  preußischen
Abgeordnetenhauses,  sowie  der  Landeskommission  für  Preußen  am  19.  April
einstimmig  folgenden  Beschluß  gefaßt:  Wir  bekräftigen  den  unverbrüchlichen

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