Full text : Materialien der Deutschen Reichs-Verfassung. Band III (3)

Jdrg.  605

will  ich  nicht  einmal  einen  kleinen  Theil  meines  gedruckten  Berichtes  Ihnen
mündlich  hierwiederholen;  aber  in  ein  paar  Punkten  werden  Sie  mir  gütigst
gestatten  mich  ausgiebiger  darauf  zurückzubeziehen.  Als  erstes  Motiv  der
Zwangslage,  welche  die  Annahme  dieser  Verträge  von  Seite  der  k.  Staatsregierung
  zur  unausbleiblichen  Nothwendigkeit  gemacht  haben  soll,  ist  genannt
und  wird  so  viel  genannt,  die  politische  Isolirung  unseres  Landes.  Nun,  meine
Herren,  habe  ich  in  meinem  Berichte  auseinandergesetzt,  daß  wenn  wir  die  Verträge
auch  nicht  annehmen,  eine  Gefahr,  ein  Zwang  von  außen  uns  nicht  droht.  Das  ist
auch  im  Ausschuße  von  competenter  Seite  zugestanden  worden.  Sie  lesen  aber
weiter  in  meinem  Berichte,  daß  ich  glaube,  gerade  die  Annahme  der  Verträge
  würde  uns  isoliren  gegenüber  einer  Nachbarschaft,  die  sich  auf  135
Stunden  unserer  Grenzen  erstreckt.  Sie  lesen  in  meinem  Berichte,  daß  nach
meiner  Meinung  jeder  ruhigen  und,  meine  Herren  ich  erlaube  mir  zu  sagen,
nicht  überreizten  Politik  unserer  Staatsregierung  sich  dringend  hätte  anrathen
sollen,  auf  dieser  unserer  historischen  Grenze,  mitten  durch  die  uns  nächst
rerwandten  deutschen  Völkerschaften  nicht  eine  chinesische  Mauer  errichten  zu
lasten,  nicht,  wenn  sie  mir  den  Auedruck  erlauben,  uns  hier  die  Welt  mit
Brettern  verschlagen  zu  lassen.  Ich  habe  mir  eben  darum  erlaubt  in  meinem
  Berichte  zu  sagen,  daß  nach  meiner  Meinung  die  Frage  bezüglich  der
Annahme  dieser  Verträge  für  Baiern  von  vornherein  himmelweit  anders  gestanden
  habe  als  für  die  drei  andern  ehemaligen  süddeutschen  Staaten.  Ich
komme,  meine  Herren,  auf  ein  weiteres  Motir,  welches  die  Zwangslage  geschaffen
  haben  soll  für  die  Annahme  der  Verträge  oder  um  mich  bestimmt
auszudrücken,  für  das  Eingehen  auf  das  uns  vorliegende  Verfassungswerk.
Das  ist,  meine  Herren,  die  Rücksicht  auf  den  „Zollverein.“  Ich  will  auch
hier  wiederholen,  was  Ihnen  des  Weitern  hierüber  gedruckt  vorliegt.  Ich  will
E  dahin  gestellt  sein  lassen,  meine  Herren,  ob  wenn  bei  Preußen  die
Absicht  wirklich  bestünde,  uns  den  Zollverein  zu  künden,  —  ich  habe  gesagt
und  habe  es  drucken  lassen,  ich  bringe  es  nicht  über  mein  moralisches  Gefühl,
das  zu  glauben,  —  wenn  aber  die  Absicht  wirklich  bestünde,  dann  will  ich
es  dahingestellt  sein  lassen,  ob  die  Ausführung  jetzt,  nachdem  nicht  nur  Baden,
sendern  auch  Hessen  und  Würtemberg  in  den  Nordbund  oder  in  den  Deutschen
  Bund  eingetreten  sind,  —  ob  die  Ausführung  jetzt  möglicher  wäre,
als  wenn  Baden  allein  eingetreten  wäre.  Daß  im  letzteren  Falle  die  Kündigung
  des  Zollvertrages  eine  absolute  Unmöglichkeit  gewesen  wäre  (weil  dieselbe
  identisch  gewesen  wäre  mit  dem  augenblicklichen  wirthschaftlichen  Ruin
Badens)  das  hat  Graf  Bismarck  selbst  in  der  bekannten  Reichstagesitzung
rem  24.  Februar  v.  Is.  mit  den  schlagendsten  Gründen  bewiesen.  Jedenfallz,
  meine  Herren,  wenn  die  Absicht  bestehen  sollte,  —  ich  sage  noch  einmal:
  wenn,  —  dann  bin  ich  sicher,  daß  unsere  schwäbischen  Nachbaren  drüben
  sich  ihrer  Hant  zu  wehren  wissen  würden  und  daß  man  ihr  Geschrei
wenn  ich  so  sagen  darf  in  Berlin  kaum  überhören  wird.  Unter  allen  Umständen
  aber,  meine  Herren,  begreife  ich  Eines  nicht:  ich  begreife  das  nicht,