Full text: Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Dritter Teil. Bis zur Juli-Revolution. (26)

Baiern. Zentner. 59 
Drängen seines Ministers gestand er dem Ueberraschten endlich: er selber 
sei der Verfasser des Manuscripts, er habe das Gerippe, Lindner nur 
die Füllung der Arbeit gegeben.“) Durch solche Mittel also hatte König 
Wilhelm sich für seine Wiener Demüthigung zu rächen versucht! Der 
Graf verhehlte seinem Herrn nicht, daß er die Kosten eines Auswärtigen 
Amtes für das kleine Württemberg nicht mehr zu rechtfertigen wisse, wenn 
man sich so muthwillig das Vertrauen der großen Mächte verscherze. 
Gleichwohl blieb er im Amte. Das Bewußtsein einer eigenen politischen 
Verantwortlichkeit war den deutschen Ministern damals noch fremd;z sie 
betrachteten sich fast allesammt nur als Diener ihrer Fürsten. Wintzingerode 
hielt es für unritterlich, den König in einem Augenblicke der Bedrängniß 
zu verlassen und mußte nun wohl oder übel durch unwahre Betheue- 
rungen den Argwohn der deutschen Höfe zu beschwichtigen suchen. Ver- 
gebliche Mühe. Der Scharfsinn F. Gentz's, der in literarischen Dingen 
fast immer das Rechte traf, hatte den Urheber des Manuseripts sofort 
erkannt. 
Die Nichtigkeit der württembergischen Triaspläne wurde nirgends 
schärfer verurtheilt als an dem Hofe, welchem Lindner die Führung seines 
Sonderbundes zugedacht hatte. In der bairischen Presse waren vor fünf 
Jahren die Triasgedanken zuerst aufgetaucht; aber die Regierung blieb 
ihnen jetzt wie damals unzugänglich. Der bairische Staat war doch zu 
groß, seine Dynastie zu stolz um so luftigen Traumbildern nachzugehen. 
Wie glücklich fühlte sich König Max Joseph, da er nun wieder drei 
Jahre lang vor seinen getreuen Landständen Ruhe hatte. Die durch 
Zentner's Klugheit herbeigeführte Versöhnung mit den beiden Groß- 
mächten that dem Herzen des gutmüthigen Herrn wohl. Sein Miß- 
trauen gegen die Liberalen verstärkte sich noch, seit die Revolution in 
Südeuropa immer weiter um sich griff und im Laufe des Sommers 
sogar nach Italien hinüberschlug. Als Gentz im August nach München 
kam, fand der König kaum Worte genug, um dem Wiener Hofe seine 
Anhänglichkeit zu betheuern. Er liebe, so gestand er, die Constitutionen 
ebenso wenig wie Kaiser Franz, und ohne den unglücklichen Wiener Con- 
greß wäre er gewiß nie so weit gegangen; indessen sei er Gottlob mit 
einem blauen Auge davongekommen, und nun solle ihn auch der Teufel 
keinen Schritt weiter führen. An dem gewohnten bureaukratischen Re- 
gimente ward durch die parlamentarischen Institutionen nichts geändert. 
Selbst die den Kammern versprochene Neugestaltung des Heerwesens unter- 
blieb, obgleich zwei der tüchtigsten Generale, Naglovich und Baur schon seit 
Jahren die Einführung eines Landwehrsystems, nach der Art des preußi- 
schen, befürwortet hatten. Der liberale Lerchenfeld sah sich ganz auf sein 
Finanzfach beschränkt, und hier gelang es seiner ausdauernden umsichtigen 
  
*) Wintzingerode, Graf H. L. Wintzingerode, S. 69.
	        
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