Full text : Meyers Großes Konversations-Lexikon. Zweiter Teil. (2)

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kische  Herrschaft  zurückzukehren,  aus  ihrer  früheren
mehr  passiven  Haltung  heraustraten  und  sich  derösterreichischen
  Herrschaft  aufrichtig  anschlossen.  Bezeichnend
  ist  übrigens,  daß  die  Zahl  der  mohammedanischen
  Rückwanderer  aus  Bosnien  immer  sehr  gering
war.  Daß  frisch  hinzu  annektierte  Serben  sich  etwa
als  staatstreues  Element  bewähren,  daß  sie,  denen
nach  so  hochfliegenden  Träumen  nun  ein  so  grausames
Erwachen  beschieden  ist,  sich  alsbald  mit  der  neuen
Lage  abfinden  sollten,  ist,  von  ihnen  weder  zu  erwarten
  noch  zu  verlangen.  Osterreich-Ungarn  würde  sich
also  nur  ins  eigene  Fleisch  schneiden,  wenn  es  die  Vereinigungspläne
  der  Serbokroaten  fördern  und  die
staatstreuen  Elemente,  die  es  in  ihrer  Verteilung  auf
die  verschiedenen  Länder  sehr  gut  als  Stütze  seiner
Herrschaft  benutzen  kann,  nun  der  Vergewaltigung
durch  die  dem  Staate  durchaus  feindlichen,  im  übrigen
aber  durch  größere  geistige  und  wirtschaftliche  Regsamkeilt
  den  Kroaten  und  Mohammeanern  durchaus  überlegenen
  Serben  ausliefern  wollte.  Ein  Gebiet,  dem
man  etwaigen  Neuerwerb  ohne  Schaden  anschließen
könnte,  gibt  es  in  ÖOsterreich  =  Ungarn  nicht.  Schlägt
man  beispielsweise  dem  Reichslande  Bosnien  auch
nur  ein  Gebiet,  das  von  einigen  hunderttausend  Serben
  bewohnt  ist,  zu,  so  gewinnen  die  Serben  im  Lande
schon  die  Mehrheit;  und  wenn  auch  die  Einführung
einer  Verfassung  und  parlamentarischer  Einrichtungen
  für  Bosnien  im  Jahre  1909  verfrüht  war,  so  wird
man  doch  nach  dem  Kriege  Formen  finden  müssen,
in  denen  man  die  Bevölkerung  zur  Verwaltung  heranzieht,
  ohne  Gefahr  zu  laufen,  daß  dies  zu  staatsfeindlichen
  Zwecken  mißbraucht  werde.  Das  ist  aber  natürlich
  in  dem  Augenblicke  ausgeschlossen,  wo  man
den  Serben  die  Mehrheit  im  Lande  verschafft,  und
die  staatstreuen  Kroaten  und  Mohammedaner  hätten
vor  allem  Grund,  sich  darüber  beschwert  zu  fühlen.
So  würde  auch  bei  einer  Annexion  der  verbleibenden
Reste  von  Serbien  und  Montenegro  wohl  nur  der
Ausweg  übrigbleiben,  diese  Länder  selbständig  und
zunächst  wohl  für  ziemlich  lange  Zeit  militärisch  zu
verwalten.  Das  mag  an  sich  kein  Unglück  sein;  aber
es  würde  die  wirtschaftliche  Erschließung  des  Gebietes
sehr  erschweren,  weil  diese  Militärverwaltung  doch  der
gemeinsamen  Regierung  verantwortlich  wäre,  in  die
wiederum  Osterreich  und  Ungarn  gleichermaßen  Einfluß
  zu  nehmen  berechtigt  sind.  Und  daß  dieses  verwickelte
  Verhältnis  mancherlei  Hemmungen  mit  sich
bringt,  hat  man  bei  der  Verwaltung  Bosniens  schon
zur  Genüge  erfahren.  Die  Hebung  der  Produktion
wird  nach  diesem  Kriege  aber  das  dringende  Bedürfnis
  wohl  aller  Staaten  sein,  die  an  ihm  beteiligt  waren,
und  nicht  zuletzt  Österreich-Ungarns.  —  Die  andere
mögliche  Lösung,  eines  der  beiden  oder  beide  Königreichein
  verkleinertem  Zustande  nach  dem  Krieg  wiederherzustellen,
  begegnet  dem  nicht  unberechtigten  Einwande,
  daß  ein  solches  Serbien  oder  Montenegro  zwar
dieersten  Jahre  nach  dem  Kriege  soerschöpft  sein  werde,
daß  es  nur  daran  denken  könne,  die  schweren  Schäden
des  Krieges  zu  heilen,  schließlich  aber  doch  der  Zeitpunkt
  eintreten  werde,  wo  der  politische  Ehrgeiz  wieder
auflebt,  um  so  mehr,  wenn  Rußland  wieder  ein  Interesse
  daran  gewinnt,  Serbien  als  Sturmbock  gegen
Österreich  zu  verwenden,  wie  es  dies  in  der  Vergangenheit
  getan  hat.  Es  fragt  sich  eben,  inwieweit  es  durch
vertraglich  festgelegte  Rechte  gelingen  kann,  ein  wiederbergestelltes
  Serbien  oder  Montenegro  in  seiner  Politik
  zu  beschränken  und  unschädlich  zu  erhalten;  freilich
  wird  kein  geschriebener  Buchstabe  von  den  Men-I.

  Politik  und  Geschichte

schen  unabhängig  machen,  die  ihn  zu  handhaben  berufen
  sind.  Ist  der  Weg,  auf  dem  dies  geschehen  soll,
zur  eert  auch  noch  nichtsichergestell.  so  kann  doch  als

iegsziel  bezeichnet  werden,  daß  das  ganze  Gebiet
der  ehemaligen  Königreiche  Serbien  und  Montenegro,
soweit  es  nicht  an  Bulgarien  kommt,  der  Interessensphäre
  Osterreich-Ungarns  anheimfällt,  das  hier  die
Verfügungen  zu  treffen  haben  wird,  die  es  zu  seiner
dauernden  Sicherung  für  nötig  hält.

Albanien.  Mit  dem  serbischen  Problem  steht  das
albanische  zunächst  in  territorialem  Zusammenhang.
Albanien,  die  ephemere  und  nur  allzu  problematsche
Schöpfung  des  Balkankrieges  und  hier  vor  allem  der
Bemühungen  Österreichs,  ist  durch  den  Weltkrieg  #  niemandes
  Sache«  geworden.  Der  Staat,  mit  dem  die
Donaumonarchie  bei  der  Errichtung  des  albanischen
Staates  als  eifers  üchtigen  Mitbewerber  rechnen  mußte:
Italien,  steht  in  der  gne  unserer  Feinde  und  kann

um  Aufgeben  seiner  Ansprüche  gezwungen  werden.
en  größeren  Teil  Albaniens  haben  die  Mittelmächte
als  Faustpfand  in  Besitz,  das  strategisch  wichtige  Valona
beherrscht  allerdings  Italien.  Daß  selbst  unter  den
sehr  viel  günstigeren  Verhältnissen  nach  Ausschaltung
der  italienischen  Mit-Patenschaft  die  Errichtung  eines
albanischen  Staates  auf  erhebliche  Schwierigkeiten
stoßen  würde,  hat  das  kurze  Leidensjahr  dieses  diplomatischen
  Retortenerzeugnisses  wohl  gezeigt.  Was
aber  damals  aus  der  Notwendigkeit  geboren  wurde,
im  Verlaufe  des  Balkankrieges  übrigens  auch  die  wichtige
  Aufgabe  erfüllte,  durch  die  Abdrängung  Serbiens
von  der  Adria  den  Zwiespalt  in  die  Reihe  der  verbündeten
  Balkanmächte  zu  tragen,  hat  heute  kaum  mehr
Daseinsberechtigung.  Den  nationalen  Anspruch  der
Albanier  auf  einen  eigenen  Staat  wird  man  um  so
weniger  ernst  zu  nehmen  brauchen,  als  die  Wünsche
der  Bevölkerung  wohl  mehr  auf  Beibehaltung  der  altgewohnten
  Gesetzlosigkeit  als  auf  die  Errichtung  eines
nationalen  Staates  abzielen.  Die  österreichische  Herrschaft
  könnte  übrigens  auch  ihre  nationalen  Bedürfnisse
  befriedigen,  da  Osterreich  ein  Interesse  daran  hätte,
ein  albanisches  Nationalgefühl  als  Gegenwirkung
gegen  das  umwohnende  Serbentum  zu  schaffen,  bzw.
den  heute  schon  vorhandenen  Haß  der  Albanier  gegen
die  Serben  in  ein  Bett  zu  leiten,  das  der  Erhaltung  eines
nationalen  Gleichgewichts  und  damit  der  österreichischen
  Herrschaft  dienlich  wäre.  Nach  Jahren  fürsorglicher
  Erziehung  mögen  hier  dann  auch  die  Voraussetzungen
  für  eine  Autonomie  gegeben  sein,  die  der
schltzenden  Hand  einer  Großmacht  aber  keineswegs
wird  entbehren  können.  Osterreichs  Interesse  an  Albanien
  ist  natürlich  in  erster  Linie  militärischer  Natur
und  knüpft  sich  an  dessen  Küste.  Rücksichten  auf  Italien
können  es  nach  einem  siegreichen  Kriege  nicht  mehr
hindern,  die  adriatische  Oftüste  bis  zur  Straße  von
Otranto  unter  seine  Herrschaft  zu  bringen  und  sich  dort
maritime  Stützpunkte  zu  schaffen,  die  ihm  den  freien
Ausgang  aus  der  Adria  sichern.  Hierfür  kommtaller
dings  in  erster  Linie  nach  der  geographischen  Lage
und  Küstengestaltung  das  jetzt  von  den  Italienern
besetzte  Valona  in  Betracht.
riechenland.  Hängt  in  der  im  vorigen  Abschnitt
behandelten  Frage  noch  vielerlei  im  ungewissen,  so
kann  man  über  die  künftige  Stellung  Griechenlands
zu  den  Mächtegruppen  wohl  schon  einigernmaßen  beründete
  Voraussagen  wagen.  Die  phantastischen
Pläne  eines  Venizelos  von  einem  Großgriechenland,
  das  eine  Erneuerung  des  byzantinischen  Reiches
  darstellen  soll,  werden  dann  wohl  endgültig