Friedrich Meinecke
Aber — so fährt dieser Autor fort — nicht die Wassen entscheiden,
sondern die Militaristen, deren Exponent der General v. Bernhardi sei.
Diese Meinung wird widerlegt durch die Vorgeschichte des Krieges und
die einhellige elementare Äberzeugung der ganzen Nation, daß dieser
Krieg uns aufgedrungen worden ist, daß es ein Verteidigungskrieg im
höchsten Sinne ist. Aur dadurch war es möglich, daß auch unserc pazifistisch
gesinnte Sozialdemokratie entschlossen zu den Fahnen eilte. Wir
leugnen nicht, daß es zum Geiste unserer Machtpolitik gehört, einen
uns aufgedrungenen Krieg mit der größten und unbedingtesten Energie
zu führen. Sollten wir geduldig warten, bis Engländer und Franzosen
in Belgien einbrachen, unsere ungeschützten Rheinprovinzen und
Waffenfabriken in Westfalen eroberten und unseren Hauptheeren in die
Flanke fielen? Wir waren felsenfest überzeugt und sind durch die später
gefundenen Dokumente vollends in der Aberzeugung bestärkt worden,
daß diese Gefahr uns tatsächlich drohte. Es ist eitel Pharisäertum, uns
den Einmarsch in Belgien zum Vorwurf zu machen. Man versetze sich
ganz und gar in unsere Lage, man mache sich im vollen Umfange klar,
welche Gegner über uns herfallen wollten, welche furchtbaren Gefahren
unsere Existenz und unsere Zukunft bedrohten, und man wird es verstechen,
daß wir vorzogen, einen europäischen Vertrag zu verletzen, der,
wie sich später herausgestellt hat, von der belgischen Regierung und von
England und Frankreich selbst bereits verletzt worden war. Es ist schnöde
Verleumdung, uns den brutalen Grundsatz zuzuschreiben, daß Macht
gleich Recht sei. Wir würden, wenn wir ihn hegten und übten, nicht nur
brutal, sondern auch töricht und kurzsichtig handeln, denn ohne Heiligkeit
der Verträge kann kein Volk gedeihen.:2) Aber es gibt auch ein
heiliges Recht der Rotwehr, und hier kommt es dann zu jenem unausweichlichen
Konflikt der Pflichten, wo man handeln muß nach dem
Grundsatze salus populi suprema leK.
Oas also ist das Wesen der deutschen „Machtpolitik“ und unserer
Anschauungen von ihr. Wir denken und handeln nicht härter und rücksichtsloser
wie die anderen, — aber wir denken allerdings etwas aufrichtiger
und wahrhaftiger als dic anderen. Hier ist ein Unterschied zwischen
unserem und ihrem Denken, der jedem Kenner der geschichtlichen und
politischen Literatur Deutschlands und des Auslandes schon längst auffallen
konnte. Ranke ist es gewesen, der uns gelehrt hat, der Wahrheit
die Ehre zu geben und die Staaten als lebendige Persönlichkeiten zu
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22) „Ein Staat, der grundsätzlich Treu und Glauben verachten wollte, würde
beständig von Feinden bedroht sein und also seinen Zweck, physische Macht zu
sein, gar nicht erreichen können“, sagt H. v. Treitschke in der „Politik“ 2, 533.