Contents : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

Im  augendlicklichen  Zusammenhang  unserer  Betrachtung  ist  darauf  hinzuweisen,
  daß  Deutschland  noch  1871  bei  der  Reichsgründung  eln  überwiegend
ackerbautreibendes  Land  war.

Deutschlande  Bevölkerung  hatte  sich  allerdinge  schon  vor  der  Relchsgründung
derartig  vermehrt,  daß  del  der  damallgen  Lage  der  Ernährungesmöglichkelten
unser  Vaterland  nicht  in  der  Lage  war,  alle  selne  Kinder  auf  elgenem  Grund
und  Voden  zu  erbalten.  Infolgedessen  erlitt  das  deutsche  Volkstum  einen  deständigen
  Verlust  durch  die  Auswanderung.

Die  offenslchtliche  Folge  der  Relchsgründung  war  nun  ein  ungeheurer
Ausschwung  der  Zndustrie  und  des  Handels  in  Deutschland.  Dieser  schuf  die
Mögllchkeit,  durch  Austausch  industrieller  Ausfuhrartikel  gegen  Einfuhr  von
Nahrungemitteln  einen  weit  höheren  Tell  von  Menschen  auf  deutschem  Boden
zu  versorgen,  ale  dies  der  deutschen  Landwirtschaft  —  obwohl  auch  sie  ihre
Methoden  und  die  IZntensität  ihres  Betriedee  stetig  verdesserte  —  möglich  gewesen
  wäre.  Zuglelch  wurden  so  die  Voraussetzungen  geschaffen  für  das  Entstehen
  einer  immer  mehr  anschwellenden  Schlcht  von  Menschen,  welche  an  den
Produktionemitteln,  also  am  Grund  und  Boden  und  den  für  landwlrtschaftliche
  und  gewerdliche  Erzeugung  bestimmten  Anlagen  keinen  Eigentumsantell
batten  —  jener  Bevölkerungeklasse,  die  sich  heute  als  „Proletariat“  zu  bezeichnen
oflegt.  Es  mag  hler  nur  kurz  angedeutet  werden,  welch  ungeheure  Gefahren  für
den  Bestand  des  Staates,  sa  viellelcht  für  die  Kultur  der  Menschbeit  durch  diese
Entwicklung  bedingt  worden  sind.  Der  Proletarler  draucht  sich  in  der  Zahl
der  Kinder  keinerlel  Beschränkung  aufzuerlegen,  denn  seine  Nachkommen  werden
schnell  wirtschaftlich  seldständig,  dafür  allerdings  auch  schon  früh  der  erzieherischen
  Einwickung  des  Elternhauses  entrückt  und  einer  ungehüteten  Weiterentwicklung
  üderlassen.  Sie  wachsen,  wie  dle  Eltern,  In  eine  wlrtschoftliche  Adbängigkeit
  hinein,  welche  sie  selber  als  „Lohnstlaverel“  empfinden.  Ihre  Betätlgung
lm  Rlesenprozeß  der  modernen  Fabrlkatlon  entrückt  sie  dem  Verständnie  für
das  Ganze  des  Produktionsprozesses  und  verweist  sle  auf  gelstlose,  fast  maschinenmäßlge,
  ewlg  sich  wiederholende  Verrichtungen  winziger  Tellhandlungen;  dadurch
  erschelnt  ihnen  ihre  Arbeit  nicht  ale  befrledigender  und  auefüllender
Ledenelnhalt,  sondern  ale  harte,  freudlose  Daseinsfron.  Der  Eigentümer  der
Produktlonemittel  ader,  der  Kapitalist,  erscheint  ihnen  nicht  ale  das,  was  er
tatsächlich  ist,  nämlich  als  der  geistige  Lelter  des  Produktionsprozesses  und  zugleich
  der  Träger  des  gesamten  Risikos,  sondern  ale  Nichtstuer.  Ole  gehobene
Ledenehaltung,  welche  ihm  der  verhältniemäßig  geringe  Anteil  gewährt,  den
er  sich  vom  wirtschaftlichen  Ergednle  der  gesomten  Produktion  im  voraus  sichert,
läßt  ihn  als  „Ausdeuter  und  Blutsauger“  erscheinen.  So  wlrd  der  Industriearbeiter
  das  Opfer  einer  tiefgehenden  Unzufriedenheit  und  Verbitterung,  die
ihn  gar  zu  leicht  für  Theorien  empfängllch  macht,  welche  den  Aufbau  der
Gesellschaft  auf  kapitalistischer  Grundlage  als  verfehlt  und  verbesserungebedürftig
binstellen.  Von  der  Annahme  solcher  Theorlen  bis  zum  Versuch  lbrer  praktischen
Durchführung  ist  nur  ein  Schritt.  Und  jeder  derartige  Versuch  erhält  seinen
gefährlichen  Charakter  durch  die  Wucht  der  Masse,  welche  die  Gesamtheit  der
vom  gleichen  Lose  bedrückten  Schicksalsgenossen  darstellt,  und  die,  zur  Tat  gerelzt,
  gar  zu  leicht  zur  Gewalttat  greift.

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