Im augendlicklichen Zusammenhang unserer Betrachtung ist darauf hinzuweisen,
daß Deutschland noch 1871 bei der Reichsgründung eln überwiegend
ackerbautreibendes Land war.
Deutschlande Bevölkerung hatte sich allerdinge schon vor der Relchsgründung
derartig vermehrt, daß del der damallgen Lage der Ernährungesmöglichkelten
unser Vaterland nicht in der Lage war, alle selne Kinder auf elgenem Grund
und Voden zu erbalten. Infolgedessen erlitt das deutsche Volkstum einen deständigen
Verlust durch die Auswanderung.
Die offenslchtliche Folge der Relchsgründung war nun ein ungeheurer
Ausschwung der Zndustrie und des Handels in Deutschland. Dieser schuf die
Mögllchkeit, durch Austausch industrieller Ausfuhrartikel gegen Einfuhr von
Nahrungemitteln einen weit höheren Tell von Menschen auf deutschem Boden
zu versorgen, ale dies der deutschen Landwirtschaft — obwohl auch sie ihre
Methoden und die IZntensität ihres Betriedee stetig verdesserte — möglich gewesen
wäre. Zuglelch wurden so die Voraussetzungen geschaffen für das Entstehen
einer immer mehr anschwellenden Schlcht von Menschen, welche an den
Produktionemitteln, also am Grund und Boden und den für landwlrtschaftliche
und gewerdliche Erzeugung bestimmten Anlagen keinen Eigentumsantell
batten — jener Bevölkerungeklasse, die sich heute als „Proletariat“ zu bezeichnen
oflegt. Es mag hler nur kurz angedeutet werden, welch ungeheure Gefahren für
den Bestand des Staates, sa viellelcht für die Kultur der Menschbeit durch diese
Entwicklung bedingt worden sind. Der Proletarler draucht sich in der Zahl
der Kinder keinerlel Beschränkung aufzuerlegen, denn seine Nachkommen werden
schnell wirtschaftlich seldständig, dafür allerdings auch schon früh der erzieherischen
Einwickung des Elternhauses entrückt und einer ungehüteten Weiterentwicklung
üderlassen. Sie wachsen, wie dle Eltern, In eine wlrtschoftliche Adbängigkeit
hinein, welche sie selber als „Lohnstlaverel“ empfinden. Ihre Betätlgung
lm Rlesenprozeß der modernen Fabrlkatlon entrückt sie dem Verständnie für
das Ganze des Produktionsprozesses und verweist sle auf gelstlose, fast maschinenmäßlge,
ewlg sich wiederholende Verrichtungen winziger Tellhandlungen; dadurch
erschelnt ihnen ihre Arbeit nicht ale befrledigender und auefüllender
Ledenelnhalt, sondern ale harte, freudlose Daseinsfron. Der Eigentümer der
Produktlonemittel ader, der Kapitalist, erscheint ihnen nicht ale das, was er
tatsächlich ist, nämlich als der geistige Lelter des Produktionsprozesses und zugleich
der Träger des gesamten Risikos, sondern ale Nichtstuer. Ole gehobene
Ledenehaltung, welche ihm der verhältniemäßig geringe Anteil gewährt, den
er sich vom wirtschaftlichen Ergednle der gesomten Produktion im voraus sichert,
läßt ihn als „Ausdeuter und Blutsauger“ erscheinen. So wlrd der Industriearbeiter
das Opfer einer tiefgehenden Unzufriedenheit und Verbitterung, die
ihn gar zu leicht für Theorien empfängllch macht, welche den Aufbau der
Gesellschaft auf kapitalistischer Grundlage als verfehlt und verbesserungebedürftig
binstellen. Von der Annahme solcher Theorlen bis zum Versuch lbrer praktischen
Durchführung ist nur ein Schritt. Und jeder derartige Versuch erhält seinen
gefährlichen Charakter durch die Wucht der Masse, welche die Gesamtheit der
vom gleichen Lose bedrückten Schicksalsgenossen darstellt, und die, zur Tat gerelzt,
gar zu leicht zur Gewalttat greift.
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