Full text : Friedrich Weinbrenner. Denkwürdigkeiten aus seinem Leben, von ihm selbst geschrieben.

Befriedigung  auf  die  zahlreichen  erbeuteten  Landsknechtsfähnlein
  und  Reiterbanner,  die  man  ihm  als  Siegeszeichen
brachte.  Er  litt  schwer,  hegte  aber  zunächst  noch  Hoffnung
und  schrieb  selbst  an  seine  Freunde  über  die  Schlacht,  so
noch  am  Schlachttage  an  Bischof  Albrecht  von  Würzburg:
„Als  wir  bei  diesem  Zusammenstoß  (das  heißt  als  die
Hoffahne  in  den  Kampf  verwickelt  wurde)  vor  unserer  Abteilung
  Stellung  genommen  hatten,  traf  uns  eine  Büchsenkugel
  nahe  an  der  Lende,  die  durch  den  Körper  ging;  infolgedessen
  fühlen  wir  große  Schwäche,  aber  wir  haben
uns  Gott  dem  Allmächtigen  empfohlen;  er  wird  nach  seinem
gütigen  Willen  mit  uns  verfahren.  In  Wahrheit  aber
können  wir  rühmen,  daß  das,  was  wir  gegen  den  wilden
Landverwüster  und  seines  Unrechts  Genossen  unternommen
haben,  aus  besonderem  Eifer,  den  wir  für  das  heilige
Reich  hegen,  geschehen  sei,  damit  in  ihm  Friede  und  Ruhe
erhalten  bleiben  könne  und  seine  Stände  nicht  so  elend  geplagt
  und  zu  Grunde  gerichtet  würden.“  Die  anfängliche
Hoffnung  auf  seine  Rettung  entschwand  aber  leider  bald,
die  Kugel  hatte  innere  Teile  zerrissen;  qualvoll  lebte  er
noch  zwei  Tage,  ordnete  gefaßt  seine  Angelegenheiten  und
verschied  am  11.  Juli  früh  kurz  nach  8  Uhr.  Sein  von  der
Kugel  durchbohrtes  Wams,  seine  blutbefleckte  Feldbinde
und  die  tödliche  Kugel  bewahrt  als  teure  Erinnerungsstücke
an  einen  der  wackersten  sächsischen  Helden  das  Historische
Museum  zu  Dresden  auf  (siehe  Abbildung  Seite  256).  Mit
ihrem  Fürsten  waren  zahlreiche  treue  Sachsen  gefallen,
fast  150  sächsische  Edelleute  starben  den  Heldentod,  darunter
Angehörige  der  alten  rühmlichen  Geschlechter  Dieskau,
Haubitz,  Pflugk,  Miltitz,  Schleinitz  und  andere.  Mit  Moritz
sank  der  größte  Sohn  des  Hauses  Wettin,  ein  tüchtiger
Kriegsmann  und  trefflicher  Regent,  einer  der  bedeutendsten
Fürsten  seines  Jahrhunderts,  in  ein  allzufrühes  Grab;  sein
Tod  beendete  die  Siegesbahn  des  Protestantismus,  der  sich
bünftig  dem  Katholizismus  gegenüber  in  die  Verteidigung
gedrängt  sah.  Wenn  auch  in  bescheideneren  staatlichen  Ausmaßen
  und  bei  geringeren  Machtmitteln  als  bei  Friedrich
dem  Großen  und  Napoleon  zeigt  sich  doch  auch  bei  Moritz
schon  der  in  den  neueren  Jahrhunderten  unverkennbar  aufs
stärkste  hervortretende  Gewinn,  der  darin  liegt,  daß  die
oberste  Heerführung  und  die  Leitung  der  Politik  in  einer
Hand  liegen  oder  wenigstens  Hand  in  Hand  gehen;  wie
unheilvoll  ihr  Auseinanderklaffen  selbst  bei  großartigen
Einzelleistungen  wirken  muß,  zeigten  zu  Deutschlands  Fluch
die  letzten  zwei  Jahre  deo  Weltkrieges.  In  militärischer
Hinsicht  tritt  auf  das  stärkste  die  kampfesfrohe,  fast  tollkühne
  Tapferkeit,  das  rücksichtslose  Einsetzen  der  eigenen
Person  hervor,  das  wir  ebenso  schon  bei  seiner  ersten
Kampfbeteiligung  vor  Pest  wie  noch  in  seinem  letzten
Kampfe  finden;  fast  könnte  es  Tadel  herausfordern,  denn
des  obersten  Heerführers  und  Landesherrn  Pflicht  kann
nicht  sein,  selber  Feinde  zu  erlegen,  wenn  schon  die  mächtige
  Einwirkung  des  persönlichen  Beispiels  auf  die  Umgebung,
  besonders  auch  auf  den  gemeinen  Soldaten  nicht
verkannt  werden  darf.  Auch  bei  andern  Gelegenheiten  gab
Moritz  wiederholt  Proben  kaltblütiger  Unerschrockenheit;

mehr  als  einmal  war  sein  Leben  inmitten  von  wüsten

Haufen  Sold  fordernder,  meuternder  Landsknechte  bedroht.
Daß  aber  zu  dieser  soldatischen  Tugend  des  Mutes  auch
die  Befähigung  als  Führer  trat,  hat  er  bei  kleineren  gut
durchgeführten  Unternehmungen,  wie  bei  der  Einnahme  von
Vitry  und  in  den  Türkenkriegen  gezeigt,  und  die  höhere
strategische  Begabung  als  Leiter  eines  großangelegten  Feldzugs
  läßt  die  rasche  programmäßige  Durchführung  des
Feldzugs  gegen  Karl  1552  erkennen.  Nicht  bloß  auf  die
Kriegfuͤhrung  im  Felde  hatte  sich  des  Kurfürsten  Moritz
militärische  Betätigung  beschränkt,  sondern  auch  für  andere
militärische  Fragen  hatte  er  Interesse;  so  trat  er  für  die
Sicherung  seines  Landes  durch  Festungsbauten  ein.  Er  be-Sachsen
  in  großer  Zelt.  Band  III  6

257
gann  1548  mit  der  Einbeziehung  von  Altdresden  (der  heutigen
  Neustadt)  in  den  Befestigungsgürtel  der  Hauptstadt;
ihm  verdankt  die  heutige  Altstadt  die  Anlage  des  neuen
Mauerrings  nach  Antwerpener  und  Genter  Art,  die  er  bei
seinem  Feldzuge  1843  selbst  bennengelernt  hatte,  mit  seinen

festen  und  zugleich  künstlerisch  geschmückten,  jahrhundertelang

  berühmten  Torbauten  1846—1551;  auch  das  Hauptzeughaus
  (Albertinum)  in  Dresden  und  die  Leipziger  Befestigungen
  unter  der  Leitung  des  Oberzeugmeisters  Kaspar
Voigt  und  des  Leipziger  Baumeisters  Hieronymus  Lotter
(Pleißenburg)  entstanden  damals.

Auf  Moritz  folgte  sein  jüngerer  Bruder  August  (r#  #8#3
bis  1586),  den  das  Volk  später  den  „Vater  August“  nannte,
ein  trockner,  nüchterner,  politisch  und  religiös  mißtrauischer
und  deshalb  gelegentlich  selbst  von  Bösartigkeit  nicht  freizusprechender
  Mann  mit  vorwiegend  wirtschaftlich  praktischen
  Interessen.  Er  hat  zweifellos  bedeutende  Verdienste
und  die  innere  Entwicklung  Sachsens  verdankt  ihm  (und
teilweise  auch  seiner  gleich  gesinnten  Gemahlin,  der  dänischen
  Königstochter  Anna,  „Mutter  Anna“)  viel,  er  legte
den  Grund  zu  der  wirtschaftlichen  Blüte  des  Kurstaates,
die  Sachsen  selbst  die  Nöte  des  Dreißigjährigen  Krieges  leidlich
  überstehen  ließ;  aber  sein  Wesen  und  Wirken  entbehrt
bei  aller  Nützlichkeit  jeder  Größe  und  Genialität.  Er  war
ohne  militärische  Neigung  und  Begabung,  ohne  staatsmännisch
  weiteren  Blick,  ohne  jedweden  heroischen  Zug,  der
Moritz  augzeichnet,  vor  allem  ohne  die  trotz  gut  evangelischer
Gesinnung  bei  Moritz  lebendige  geistige  Freiheit  in  Glaubenssachen.
  Das  Historische  Museum  zu  Dresden  besitzt  schöne
Rüstungen  Augusts  und,  wie  seine  Turnierbücher  zeigen,
war  er  ein  eifriger  Lanzenbrecher  im  Noßturnier,  aber  dem
Ernste  des  Kampfes  hat  er  seine  eigne  Person  nicht  ausgesetzt;
  unter  ihm  hatten  seine  Sachsen  keine  Gelegenheit,
kriegerische  Lorbeeren  zu  ernten.  Als  vorsichtiger  Fürst
förderte  er  die  Vollendung  der  Dresdner  und
andrer  Festungsbauten,  wobei  ihm  besonders  der
„welsche  Baumeister“  Graf  Rochus  von  #ynar  zur  Seite
stand,  der  kurfürstlicher  Oberbaumeister  und  zugleich  Oberzeugmeister
  war  und  sich  um  die  sächsische  Artillerie  durch
den  Guß  neuer  Geschütze  verdient  machte.  August  ließ
interessante  Schießversuche  anstellen  und  Lynar  berichtete
  als  etwas  Erfreuliches,  aus  dem  langen  Stücke
habe  man  18  mal  gefeuert,  die  4  Drachen  (Name  von  Geschützen)
  seien  probeweise  je  3  mal  abgeschossen  mit  16,  20
und  24  Pfund  Pulver  und  die  Ladung  mit  16  Pfund  habe
die  beste  Weitwirkung  erzielt.  Der  einzige  bemerkenswerte
Feldzug  Augusts  war  die  Vollstreckung  der  Reichsacht  gegen
Herzog  Johann  Friedrich  den  Mittleren  von  Sachsen  und
seine  Genossen  Wilhelm  von  Grumbach,  Mandelsloh  und
andere  in  Gotha,  die  sogenannte  Grumbachsche  Fehde.
Gotha  und  sein  festes  Schloß,  der  Grimmenstein,
fielen  nach  tapferer  Gegenwehr  vom  Dezember  1966  bis
April  1567  in  die  Hände  der  überlegenen  Belagerer,  und
August  befleckte  den  militärisch  nicht  allzu  rühmlichen  Sieg
durch  die  scheußliche  Hinrichtung  der  Hauptführer  der  Gegenpartei.
  1586  folgte  ihm  sein  Sohn  Christian  I.,  ein  gerader,
  ehrlicher  Charakter  ohne  des  Vaters  religiöse  Engherzigkeit,
  ein  Freund  ritterlicher  Kampfspiele  und  mit
soldatischen  Neigungen,  mehr  seinem  großen  Oheim  nachartend.
  Unter  ihm  tritt  zum  ersten  Male  im  sächsischen
Heere  der  Name  einer  späteren  rühmlichen  Truppe  auf,  der
Karabiniers,  die  1500  als  besondere  adelige  Leibwache
zu  Roß  formiert,  aber  nach  seinem  Tode  aufgelöst  wurden;
die  Festungsbauten  zu  Dresden  und  am  Königstein
  wurden  fortgesetzt  und  erweitert,  die  Jungfernbastei
(die  spätere  Brühlsche  Terrasse)  errichtet,  auch  zur  Sicherung
  der  Verteidigung  der  Hauptfestung  Dresden  1588
eine  genaue  Musterung  der  streitbaren  Mannschaft  durchgeführt
  und  Getreidemagazine  angelegt.  An  Kriegen  nahm

17