Full text : Kumbuke. Erlebnisse eines Arztes in Deutsch-Ostafrika.

154  „Mein  Großvater  war  ein  Deurscher-Doctor?

  Muß  ich  sterben?  Mein  Großvater  war  ein  Deutscher.“
Die  leisen  Worte  folgen  ohne  Hause,  während  er  haltlos  aus
dem  Sattel  in  meine  Arme  fällt.  Er  heißt  Versfeld  und  sieht  aus
wie  ein  Westfale.  Der  andere,  Suttie,  ist  ein  tpypischer  Engländer:
spindeldürr,  wadenarm,  ein  langes  Mephistogesicht  mit  tiefen
Uasenmundfalten.  In  seiner  Nierengegend  klaffen  links  und  rechts
der  Wirbelsäule  faustgroße  Wunden.  Ich  hebe  ihn  aus  dem  Sattel
und  lege  ihn  vorsichtig  auf  die  Bauchseite  nieder.  Er  hält  Arme
und  Beine  ausgestreckt  und  sinkt  dann  mit  langsamer  Gleichmaßigkeit
  in  sich  zusammen  wie  erkaltendes  Wachs.  Stumm  und  reglos
liegt  er  dann  da.  „Wir  wollen  erst  den  Gffizier  verbinden,  dieser
stirbt  ja  doch  in  ein  paar  Minuten.“  Gerade  wie  ich  mit  der  Wundversorgung
  beginnen  will,  erschrecken  uns  aus  nächster  Jähe  mehrere
  Salven.  Dier  heute  morgen  von  der  Hatronille  gegriffene
Eingeborene,  die  den  Gegner  geführt,  sind  soeben  standrechtlich
erschossen  worden.  Suttie  taute  zu  meinem  größten  Erstaunen
wieder  auf;  nachdem  er  seinen  eigenen  Feldflaschenbrandv  trinken
durfte,  ward  er  sogar  zynisch  und  laut.  Die  Gefangenen  waren
Südafrikaner  und  hatten  in  altgermanischer  Sippengefolgschaft
gefochten.  Mit  Ausnahme  Sutties  waren  sie  alle  untereinander
vervettert.  Die  Feldflaschen  enthielten  Rum,  die  Brotbeutel  nur
rohe  Maiskolben.

Unsere  Derwundetenprozession  marschierte  überaus  gut  sichtbar
an  einer  anderen  vom  Gegner  besetzten  Söhe  vorüber.  Wieder
reckten  sich  schwarze  Silhouetten  auf  einer  hohen  Sorizontlinie;
wiele  Männer  schauten  da  auf  uns  hernieder.  Suttie  mußte  endlich
zum  Schweigen  gebracht  werden.  So  band  ich  ihm  denn  auf,  daß
zwei  U-Boote  vor  Daressalam  erschienen  seien.  „ODamned“,  meinte
er  bloß  noch.

Vie  sah  ich  in  diesem  eigenartigen  Sochland  Geier  kreisen,  obwohl
  es  ihnen  an  Nahrung  keineswegs  gefehlt  hätte.  Unserer  Gesundheit
  kam  die  außerordentliche  Rälte  sehr  zugute.  Wir  pfletgten
uns,  badeten  den  Rörper  oft  in  dem  Klippengeröll  oder  binter
Euphorbien  versteckt  und  wurden  tief  gebräunt.  Man  lebte  mal
wieder  auf  in  jenem  Land,  das  wirtlich  von  Milch  und  Sonig  floß.
Auch  dem  Farbigen,  der  sein  Fleisch  und  seine  Kuhe  hier  bekam,
ging  es  gut.  Und  wie  gut  es  denen  damals  immer  ging!  Kines
Abends  schritt  ich  zwischen  dem  Feind  unsichtbaren  Lagerfeuern
binunter  zu  einem  schmalen  Taleinschnitt,  in  dessen  Rorongo  tretz