70 Der angebliche Systemwechsel und seine Auswirkung.
rungsanstalten gegenüber an. Über den Abgrund von Verachtung, Haß und Unmenschlichkeit,
der in den Friedensbedingungen der Feinde und ihrer Antwort auf
die deutschen Gegenvorschläge lag, braucht kein Wort verloren zu werden
Aber man übersehe auch hier nicht die Grundlagen, die den Feinden von Deutschen
dafür geliefert worden sind. Der Kieler Theologieprofessor Baumgarten hat sich
außerordentlich angestrengt, um aus einem Zeitraum von einigen zo Jahren einige
Außerungen Alldeutscher und angeblicher Alldeutscher zusammenzutragen, aus denen
unsere Feinde nach der Ansicht der Herren Baumgarten, Rohrbach, Oelbrück
und anderer Hoböhmen ihren Vernichtungswillen gegen Deutschland geschöpft
haben könnten. Merkwürdigerweise berufen sich unsere Feinde in ihren Erklärungen
über die Schuld Deutschlands und ähnliches niemals auf Alldeutsche, sondern
immer auf Außerungen der engeren und weiteren Parteifreunde des Herrn Baumgarten.
Es wäre ihm zu empfehlen, einmal die Mantelnote zu den endgültigen
Friedensbedingungen vom 16. Juni mit den Reden und Veröffentlichungen aus
dem Lager der schwarz-rot-goldenen Reichstagsmehrheit aus den letzten drei Jahren
zu vergleichen; er wird in der ganzen Mantelnote wenig Sätze finden, zu denen
sich nicht Stellen entsprechenden Inhalts in der eben erwähnten Literatur seiner
pazifistischen Gesinnungsgenossen nachweisen ließen. Nicht einmal der krasse Wider“
spruch zu den 14 Punkten Wilsons kann den Feinden voll angekreidet werden:
denn die Gegenvorschläge der Regierung Scheidemann-Brockdorff auf die zuerst
überreichten Bedingungen gehen ja selbst, namentlich finanziell, aber auch territorial,
weit über die 14 Punkte Wilsons hinaus.
Der Wilsonschwindel.
Die am 7. Mai übereeichten Friedensbedingungen der Feinde und der am
23. Juni 1010 angenommene Friede stellen einen neuen Jusammenbruch des B-Systems
dar. Der Wilsonschwindel dürfte damit auch für die beflissensien Anhänger
dieses Mannes, den ein Abgeordneter, ich glaube, es war Naumann, als un-“
gekrönten Kaiser der Welt angehimmelt hat, erledigt sein. Es sind dabei viele
Gebäude endgültig geborsten. Bethmanns Jauder= und Versöhnungspolitik
gründete sich zum großen Teil auf sein Vertrauen zu Wilson. Die schwart-rot"
goldne Reichstagsmehrheit mit ihrer Friedensresolution von 1917 zog die Bes
rechtigung zu ihrer Ubernahme der Herrschaft aus der Einbildung, Wilson
gegenüber verhandlungsfähiger zu sein als eine nationale Regierung. Die
Nachgiebigkeit Bethmanns und Hertlings gegen die Demokratie entsprang zum
Teil derselben Meinung. Die Regierung des Prinzen Max wurde geschaffen,
um noch verhandlungsfähigere Leute als seine Vorgänger Wilson anbieten
zu können, und schließlich wurden Kaiser und Könige davongejagt und die Regierung
Ebert-Scheidemann ins Leben gerufen, um sich ganz gewiß die Gunst
Wilsons zu sichern. Einzig und allein im Vertrauen auf die Menschlichkeitsund
Völkerversöhnungssprüche Wilsons geschahen alle Schritte des Herbstes 1918,
wie jetzt offen zugegeben wird.
Nun entpuppt sich Wilson als das, wofür ihn die verlästerten und von jedem
Einfluß auf die Politik sorgfältigst ferngehaltenen Alldeutschen von seher erklärt
hatten, als ein Machtpolitiker rücksichtslosester Art, der seine Feinde mit Recht
für dumm genug hielt, sich in heuchlerische Redensarten einwickeln und durch sie
zur Selbstzerfleischung bestimmen zu lassen. Von diesen Waffen hat er ausgiebigsten
Gebrauch gemacht und damit seinem eigenen Volke und den Bundes“
genossen viel Blut erspart und noch einiges mehr. Der Völkerbunds= und Völker-